Das Jahr 1900 Der Beginn eines neuen Jahrhunderts?Auch wenn das 20. Jahrhundert eigentlich erst mit dem 1. Januar 1901 beginnt, tanzt die Welt erwartungsfroh in den Morgen des 1. Januar 1900 und damit in die letzten 100 Jahre des zweiten Jahrtausends hinein (so wird auch die »Chronik-Bibliothek«, die mit ihren insgesamt 101 Bänden von 1900 bis zum Jahr 2000 unser Jahrhundert mit einem eigenen Band für jedes Jahr begleiten wird, mit der »Chronik 1900« eröffnet).
Den Streit darüber, wann denn dieses 20. Jahrhundert tatsächlich beginne, hat der deutsche Kaiser Wilhelm II. sozusagen offiziell am 1. Januar 1900 beendet: »Der erste Tag des neuen Jahrhunderts sieht Unsere Armee, d. h. Unser Volk in Waffen ...«, heißt es in seiner Berliner Neujahrsrede. Hinter den 1,7 Milliarden Menschen, die zu diesem Zeitpunkt auf den fünf Kontinenten leben, liegt ein Jahrhundert des Aufbruchs: Das Industriezeitalter ist zu voller Blüte gereift, das Bürgertum hat sich endgültig etabliert, Arbeiter- und Frauenbewegung haben ihre Forderungen vorgetragen, Dichtung, Musik, Malerei und Architektur sind mit großartigen Meisterwerken in teilweise völlig neue Bereiche vorgestoßen. Die Deutschen sind 1871 im Deutschen Reich vereint worden. Die überall gestellte Frage: Was wird das neue Jahrhundert den Menschen bringen? Weltausstellung, Burenkrieg und Boxeraufstand: Die Welt zwischen technischem Aufbruch und KolonialismusDrei Ereignisse prägen das Jahr 1900 und markieren zugleich die Tendenzen zu Beginn des 20. Jahrhunderts:
- Auf der Weltausstellung in Paris versammeln sich die Vertreter fast aller Nationen, um die Glanzlichter und neuesten Errungenschaften auf sämtlichen technischen, wirtschaftlichen und militärischen, aber auch wissenschaftlichen, sozialen und künstlerischen Gebieten in einer bis dahin beispiellosen Gesamtschau der Welt vor Augen zu führen. Die Weltausstellung ist eine Art Jahrhundertausstellung, die den rasanten Fortschritt vor allem auf dem Gebiet der Technik dokumentiert.
- In Südafrika unterliegt das Volk der Buren im erbittert geführten Unabhängigkeitskampf gegen die Weltmacht Großbritannien.
- Im Fernen Osten erheben sich die Chinesen gegen die Unterdrückungspolitik und Ausbeutung durch die Kolonialmächte, werden aber besiegt.
Der Imperialismus beeinflusst zu Beginn des 20. Jahrhunderts Politik und Wirtschaft weltweit. Die Expansionspolitik der europäischen Großmächte, Japans und der USA lässt allerdings nicht nur Rivalitäten entstehen, sondern die Konkurrenten um die Aufteilung der Welt und der Märkte 1900 auch erstmals zu einer gemeinsamen militärischen Aktion antreten: Als China versucht, den Kolonialmächten Widerstand entgegenzusetzen, intervenieren das Deutsche Reich, Großbritannien, Frankreich, Italien, Russland, Japan und die USA zur Niederschlagung des Boxeraufstands. Zu welchen Entgleisungen sich die sog. zivilisierten Nationen dabei hinreißen lassen, zeigt u. a. die »Hunnenrede« des deutschen Kaisers Wilhelm II.
Nicht nur die etablierten Kolonialmächte – allen voran Großbritannien und Frankreich –, sondern auch Staaten, die bisher keine oder nur eine zurückhaltende Kolonialpolitik betrieben – z. B. das Deutsche Reich und Italien –, versuchen zu Beginn des 20. Jahrhunderts verstärkt, ihren politischen und wirtschaftlichen Machtbereich auszudehnen, um dem Handel neue Absatzgebiete zu erschließen. Bernhard Graf von Bülow, 1900 zum Reichskanzler ernannt, formulierte die deutsche Forderung in dem berühmten Satz: »Wir wollen niemand in den Schatten stellen, aber wir verlangen auch unseren Platz an der Sonne.« 1900 wird die deutsche Flagge auf Samoa gehisst. Bemerkenswert sind die auffallend guten Beziehungen zwischen dem Deutschen Reich und Großbritannien trotz Wirtschafts- und Flottenrivalität. Im Burenkrieg wahrt das Deutsche Reich wohlwollende Neutralität, obwohl die öffentliche Meinung burenfreundlich ist. In China treten das Deutsche Reich und Großbritannien gemeinsam dem russischen Vordringen in der Mandschurei entgegen, indem sie im Jangtse-Abkommen die Politik der Offenen Tür zur Richtschnur erheben. Elektrizität und Verkehrswesen lassen die Wirtschaft gedeihenEine Folge des Friedens in Europa seit 1870/71 war ein Wirtschaftsaufschwung, der seit 1895 eine unvorstellbare Höhe erreicht hat, sich mit dem Ausbruch des Burenkriegs 1899 jedoch abzuschwächen beginnt. Den Verkehrsmitteln kommt zu Beginn des 20. Jahrhunderts eine bedeutende Funktion innerhalb der Volkswirtschaften zu. 1900 wird die Pariser Metro in Betrieb genommen, Kaiser Wilhelm II. eröffnet den Elbe-Trave-Kanal und unternimmt die erste Probefahrt mit der Wuppertaler Schwebebahn, die »Deutschland« erringt das Blaue Band als schnellstes Schiff auf dem Weg von Europa nach den USA.
Der zunehmende Massenverkehr verstärkt aber auch die Macht des Staates. Ohne die durch Dampf und Elektrizität bewegten Verkehrsmittel wären die Kolonisation, die Aufteilung Afrikas, der Kampf um neue Märkte und um die Herrschaft über »niedrige Rassen« unterblieben oder hätten sich in den bescheidenen Grenzen der Zeit vor 1870 gehalten.
Während der Tod von Gottlieb Daimler 1900 das Ende der Pionierphase im Automobilbau kennzeichnet, markieren die ersten erfolgreichen Flugversuche des Grafen Zeppelin die beginnende Eroberung des Luftraums. Versuchte Zensur und stille RevolutionenKulturpolitisch ist das Scheitern des umstrittenen Sittlichkeitsgesetzes »Lex Heinze« im Deutschen Reich das Hauptereignis. Parlamentarische Opposition und eine starke außerparlamentarische Bewegung verhindern die Zensur von Theater, Literatur und bildender Kunst durch den Staat. Die Bildungsdiskussion wird zu Beginn des 20. Jahrhunderts von der Auseinandersetzung zwischen der traditionellen klassisch-humanistischen und der modern-technischen Richtung geprägt. Der zweite große Trend ist die vermehrte Zulassung von Frauen zum Hochschulstudium. Frauen drängen immer häufiger in Bereiche vor, die zuvor als Männerdomäne galten.
Sportlich beginnt das 20. Jahrhundert mit den II. Olympischen Spielen, die im Rahmen der Pariser Weltausstellung veranstaltet werden. Ein Neubeginn für den Fußball ist die Gründung des Deutschen Fußball-Bunds. Der US-amerikanische Tennismeister Dwight F. Davis stiftet den Davis-Pokal, in Paris fahren die Automobilrennfahrer erstmals um den Gordon-Bennett-Preis, Radrennveranstaltungen auf Bahn und Straße erlangen eine enorme Popularität.
Zwei »stille Revolutionen« bleiben dagegen 1900 weitgehend unbeachtet: Der deutsche Physiker Max Planck begründet die Quantentheorie, der österreichische Arzt Sigmund Freud veröffentlicht »Die Traumdeutung«.
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