Das Jahr 1901
Monarchie und Bürgertum rüsten sich für das neue Jahrhundert
»Berlin hat neuerdings durch die Aufstellung der Denkmäler der brandenburgischen Herrscher einen neuen Schmuck bekommen, auf den es stolz ist und stolz sein kann. Die Siegesallee bietet einen prächtigen Anblick dar mit ihren glänzenden weißen Denkmälern ... So kann man der Stadt Berlin nur Glück wünschen zu dem Geschenk, das sie durch die Güte des Kaisers erhalten hat.«
Auf diese Weise äußert sich im besten Untertanengeist ein Berliner Primaner zu der am 18. Dezember 1901 in der deutschen Hauptstadt eingeweihten Siegesallee. Preußenverehrung und Nationalstolz klingen aus diesem Schüleraufsatz über die steinerne Darstellung preußischer Herrscher.
Die offiziellen Kreise des deutschen Kaiserreiches und seiner Bundesstaaten beginnen das 20. Jahrhundert voller Selbstbewusstsein. An deren Spitze stehen »gekrönte Häupter«; parlamentarisches Bewusstsein spielt für viele eine nur untergeordnete Rolle. Der deutsche Kaiser Wilhelm II. beispielsweise – zugleich preußischer König – sonnt sich bei dem im Januar stattfindenden 200-jährigen Preußen-Jubiläum im überkommenen Glanz der Monarchie. An seinem cäsarischen Selbstverständnis hindern ihn auch nicht die kritischen Reaktionen der liberalen Öffentlichkeit, die seine selbstherrlichen Entscheidungen und peinlichen Entgleisungen verurteilen.
Hervorstechendster Ausdruck des Machtbewusstseins breiter bürgerlicher Kreise ist die mit großem propagandistischem Aufwand verfochtene Flottenaufrüstung. Der Argwohn anderer europäischer Großmächte über den deutschen Flottenbau wird beiseitegefegt. Selbstgefälliger Stolz herrscht im Bürgertum auch über den bescheidenen deutschen Kolonialbesitz: Mit Euphorie werden selbst banale Meldungen über die neuesten Entwicklungen in den Kolonialgebieten verbreitet. Auf der anderen Seite sind politische Gegenströmungen – trotz vielfältiger Unterdrückungsmechanismen – immer weniger zu überhören; sie stellen Alternativen dar zur herrschenden »wilhelminischen« Gesellschaft und Kultur.
Sozialdemokratische Gegenkultur als Antwort auf soziale Missstände
Stärkste oppositionelle Kraft ist die im öffentlichen Leben diskriminierte und durch das ungleiche Wahlrecht benachteiligte Sozialdemokratie. Rund zehn Jahre nach Aufhebung des Sozialistengesetzes repräsentiert sie mit ihren Bildungs-, Freizeit- und Sportvereinen und mit ihrer Presse eine eigene Kultur und Lebenswelt. Sie setzt dem im Bürgertum vorherrschenden chauvinistischen Gedankengut und den feudalen Relikten die Forderung nach Demokratisierung entgegen. Die Konflikte entzünden sich jedoch nicht allein an politischen Fragen, denn die Bevölkerung wird im Rahmen des sich entwickelnden Industriekapitalismus einem einschneidenden Wandel ausgesetzt. Vor diesem Hintergrund ist die vielzitierte »soziale Frage« ein brennendes, von offizieller Seite häufig ignoriertes Problem. Niedriger Lohn, geringer oder gar kein Schutz vor Arbeitslosigkeit und deren Folgen sowie eine katastrophale Wohnungsnot zählen für die unteren Schichten zum Alltag. Neben der Arbeiterbewegung werden auch innerhalb des Bürgertums reformorientierte Gruppen aktiv und rufen zur Bekämpfung der sozialen Missstände auf. Gegen die Vorstellung von Frauen als »Menschen zweiter Klasse« engagiert sich die Frauenbewegung – sie ist sowohl im proletarischen als auch im bürgerlichen Milieu etabliert. Wesentlicher Ausdruck ihres Kampfes für Emanzipation ist die nicht nur im Deutschen Reich aktuelle Forderung nach einem Frauenwahlrecht. Während noch in keinem europäischen Staat ein nationales Frauenstimmrecht existiert, wird es in Norwegen auf kommunaler Ebene erstmals eingeführt.
Der „Übergangsmensch“ in der immer stärker industrialisierten Welt
Die Industrialisierung sowie Mechanisierung der letzten Jahrzehnte wirkt sich auf die gesamte Lebenswelt aus. Die Städte entwickeln sich zu einem unwirtlichen Konglomerat aus Stein, Beton und Technik, bei dem Bedürfnisse ihrer Bewohner oft zweitrangig bleiben. Daneben bestimmt die technische Entwicklung immer mehr das alltägliche Leben. Die Elektrizität, das Telefon und die ersten Automobile künden vom Beginn einer anderen Zeit. Selbst in das Bestattungswesen hält die »moderne Welt« Einzug: In Mannheim wird in diesem Jahr bereits das sechste deutsche Krematorium eröffnet.
Die technisch-industrielle Entwicklung verändert auch das Bewusstsein der Menschen. Nicht umsonst werden die Angehörigen des wilhelminischen Bürgertums als »Übergangsmenschen« (Martin Doerry) charakterisiert. Ihre ambivalente Einstellung – technische Fortschrittsgläubigkeit einerseits, konservative politisch-kulturelle Orientierung andererseits – zeigt die Doppelbödigkeit des allerorts postulierten »Fortschritts«.
Ihrer Zeit vorauseilend weisen Pablo Picasso, der seine ersten Bilder der »Blauen Periode« malt, Thomas Mann, der mit dem Roman »Buddenbrooks« an die Öffentlichkeit tritt sowie Physik-Nobelpreisträger Wilhelm Conrad Röntgen den Weg in ein neues Zeitalter. Für das neue Jahrhundert stehen Persönlichkeiten wie Erich Ollenhauer, Walter Hallstein und Hirohito, aber auch Ödön von Horváth, Marlene Dietrich, Walt Disney und Clark Gable. Sie alle erblicken 1901 das Licht der Welt.
Eine eigenständige und unkonventionelle Reaktion auf Industrialisierung und gesellschaftlichen Umbruch bildet der in Steglitz (bei Berlin) begründete, vor allem von Schülern und Studenten aus dem Bildungsbürgertum getragene »Wandervogel«. Er gilt als Pionier der deutschen Jugendbewegung. Die Suche des »Wandervogels« nach naturnahen, einfachen und unabhängigen Lebensformen ist auch ein Protest gegen herkömmliche Umgangsformen im etablierten Bürgertum.