Das Jahr 1903 Ein Jahr ohne Eigenschaften im zugleich fort- und rückschrittlichen Kaiserreich»Ein normales Jahr im imperialistischen Deutschland« lautet der Untertitel eines Buches über das Jahr 1903, das der Ostberliner Wirtschaftshistoriker Jürgen Kuczynski 1988 veröffentlichte. Tatsächlich verlaufen die zwölf Monate dieses Zeitraums ohne einschneidende Ereignisse. Sie sind insofern typisch für die äußerliche Ruhe in der Epoche vor dem Ersten Weltkrieg.
Das Deutsche Kaiserreich präsentiert sich im vierten Jahrzehnt nach seiner Gründung im festen Glauben an eine große Zukunft. Nach der Krise der Jahre 1900-1902 hat sich die Wirtschaftslage entspannt. Die Arbeitslosenzahlen sinken, und steigende Produktionsziffern in der Schwerindustrie ziehen einen Aufschwung in anderen Bereichen nach sich. Fusionen im Bereich von Kohle und Stahl sowie in der Chemie- und Elektrobranche stärken – unterstützt durch die Risikobereitschaft der Großbanken – die internationale Konkurrenzfähigkeit. Der Einsatz modernster Techniken ist die Grundlage für ein Wachstum, das tiefgreifende Veränderungen im sozialen Leben zur Folge hat.
Ehemals beschauliche Orte wachsen zu Millionenstädten mit Verwaltungsgebäuden, Warenhäusern und Vergnügungszentren heran. Der Ausbau des landesweiten Telefonnetzes ermöglicht eine noch schnellere Kommunikation. Elektrisch betriebene Verkehrsmittel und Automobile verdrängen Pferdewagen, erste Hochgeschwindigkeitszüge mit über 200 km/h Spitze, aber auch – im fernen Amerika – der erste gelenkte Motorflug der Brüder Wright künden von einer rasanten technischen Entwicklung. Vom aufstrebenden deutschen Bürgertum wird diese Entwicklung mit Begeisterung aufgenommen, bieten sich doch ungeahnte Perspektiven für die Zukunft. In denkwürdigem Widerspruch dazu präsentieren sich weltanschauliche Ansichten: Oft genug paart sich technische Fortschrittsgläubigkeit mit konservativer Gesinnung, mit übersteigertem Nationalismus und unkritischer Begeisterung für den Kaiser. Ästhetizismus und Jugendstil: Wege aus gesellschaftlicher EngeDie Möglichkeit zur Flucht aus dieser von überholten Konventionen und geistigen Zwängen bestimmten Gesellschaft bietet sich Literaten und Künstlern im Rückzug in die Welt des schönen Scheins, in den Ästhetizismus, oder aber in den idealistischen Glauben an Erneuerung. So verknüpft die Avantgarde des Jugendstils die Suche nach neuen Formen mit dem Ideal der Veränderung des Menschen in einer als Gesamtkunstwerk gestalteten Umwelt – dieser Impuls trägt auch die 1903 gegründeten »Wiener Werkstätten« –, während Reformgruppen verschiedenster Prägung ihren Protest in freien und unabhängigen Lebensgemeinschaften fern der Städte realisieren. Die Sozialdemokratie kämpft mit sich selbst statt für die ArbeiterDie Freiheit, in der Natur nach seiner Façon selig zu werden, bleibt den meisten Menschen verwehrt. Das Leben ist bestimmt vom Kampf um das tägliche Brot. Trotz Arbeitszeiten von bis zu 14 Stunden pro Tag reicht der Lohn eines Arbeiters oftmals nicht aus, die meist vielköpfige Familie zu ernähren. Frauen und auch Kinder sind zur Mitarbeit gezwungen. Zwar versucht der Staat auf Drängen der Lehrer und Ärzte, Kinderarbeit per Gesetz zu verhindern, doch gelingt das angesichts der verbreiteten Armut nicht. Auch Kampfmaßnahmen wie der über fünf Monate andauernde Streik der Textilarbeiter im sächsischen Crimmitschau für eine Verkürzung der täglichen Arbeitszeit auf zehn Stunden bleiben ohne Erfolg. Die Lösung der »sozialen Frage« hat die Sozialdemokratie auf ihre Fahnen geschrieben. Durch ihr Engagement für die Benachteiligten und ihren Kampf gegen hemmungslose Ausbeutung hat die SPD eine breite Anhängerschaft gewonnen: Bei den Reichstagswahlen im Juni wird sie zweitstärkste Fraktion im deutschen Parlament – nach dem katholischen Zentrum. Nach außen hin stark, ist die Sozialdemokratie intern uneins. Auf dem Parteitag in Dresden im September wehrt sich der Parteivorsitzende August Bebel vehement dagegen, eine programmatische Abkehr von den revolutionären Prinzipien des Marxismus zu vollziehen, auch wenn sich der »Revisionismus«, d. h. der reformistische Kurs Eduard Bernsteins, in der sozialdemokratischen Praxis längst durchgesetzt hat. Internationale Umbrüche in der großen Zeit des ImperialismusDie Auseinandersetzungen zwischen Marxisten und Revisionisten beherrschen auch die Diskussion in den sozialistischen Parteien anderer europäischer Nationen, und nicht immer gehen sie so glimpflich ab wie bei den russischen Genossen. In London, wo sich die exilierten russischen Sozialdemokraten zu ihrer zweiten Tagung versammeln, endet sie mit der Spaltung in Menschewiki und Bolschewiki, denn nicht alle Delegierten teilen Lenins Konzept einer marxistischen Kampfpartei. Soziale Unruhen erschüttern das gesamte Zarenreich. Arbeiter und Bauern protestieren gegen unwürdige Lebensbedingungen und gegen das harte Vorgehen der Armee. Sie werden unterstützt von Studenten, die politische Veränderungen im autokratischen System fordern. Nach außen gibt sich die Zarenregierung trotz aller innenpolitischen Probleme selbstbewusst. So betreibt Petersburg zielstrebig die Ausweitung des Machtbereichs in Korea und der Mandschurei – ungeachtet eines drohenden Konflikts mit Japan, der zu Beginn des Jahres 1904 ausbricht. Mit diesen rücksichtslos verfolgten Expansionsgelüsten unterscheidet sich Russland in keiner Weise von anderen imperialistischen Mächten. Die internationale Politik ist bestimmt vom Streben nach Erweiterung der Macht- und Einflussbereiche. Großbritannien konnte 1902 durch den Sieg im Burenkrieg seine Territorien in Südafrika bedeutend vergrößern, Frankreich engagiert sich in Marokko, Italien blickt nach Libyen, und die USA nutzen die Monroe-Doktrin, um ihre Einmischung in die inneren Angelegenheiten der mittel- und südamerikanischen Staaten zu rechtfertigen. Ein eklatantes Beispiel für diese aggressive Einflusssicherung im eigenen Hinterhof ist die Abspaltung Panamas von Kolumbien, mit der sich Washington die uneingeschränkten Rechte über die Panamakanalzone sichert. Bagdadbahn, Entente cordiale und Balkankonflikt: Machtblöcke in BewegungIn der Furcht, bei der Aufteilung der Welt zu kurz gekommen zu sein, forciert das Deutsche Reich seine Weltmachtpläne und löst damit Misstrauen bei anderen Staaten aus. Vor allem die britische Regierung beobachtet skeptisch die Pläne der deutschen Wirtschaft für den Bau der Bagdadbahn, weil sie um ihren Einfluss im Osmanischen Reich und in anderen vorderasiatischen Regionen fürchtet. Die vom Deutschen Kaiser vorangetriebene Flottenaufrüstung, mit der die britische Vormachtstellung auf den Ozeanen bedroht wird, provoziert 1903 eine Veränderung der politischen Landschaft in Europa. Das bisher bündnisfreie Großbritannien rückt näher an Frankreich und dessen Partner Russland heran. So entsteht 1904/07 ein neuer Machtblock, die Entente cordiale, als Gegenpol zum Dreibund zwischen Italien, dem Deutschen Reich und dem von innenpolitischen Problemen – Sprachenstreit, Autonomiebestrebungen – geschüttelten Vielvölkerstaat Österreich-Ungarn. Am Ausgang dieser verhängnisvollen Entwicklung steht der Ausbruch des Ersten Weltkriegs, der das Ende der 1903 so hoffnungsvoll erscheinenden Epoche besiegelt.
Der Konflikt auf dem Balkan, der 1914 die militärische Auseinandersetzung auslöst, ruft auch 1903 die europäischen Mächte auf den Plan: Wien und Petersburg fordern gemeinsam vom Osmanischen Reich, den Aufständen in ihren balkanischen Gebieten, insbesondere in Makedonien, durch energische Reformen den Boden zu entziehen; die Ermordung des serbischen Königs Alexander I. durch Offiziere seiner eigenen Armee bleibt außenpolitisch ohne größere Resonanz.
Im sportlichen Bereich sind für das Jahr 1903 auf nationaler und internationaler Ebene Großpremieren zu vermelden: Erstmals wird die Deutsche Fußballmeisterschaft ausgetragen, und erstmals messen Radrennfahrer bei der nunmehr alljährlich veranstalteten Tour de France ihre Kräfte.
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