Das Jahr 1907
Von der Entente cordiale zur Tripelallianz
Der Kriegsausbruch scheint nur noch eine Frage der Zeit: Um die Stellung des Deutschen Reichs als »Weltmacht« zu behaupten, ist ein Waffengang unvermeidlich - dieser Meinung jedenfalls sind die führenden Köpfe der deutschen Politik. Der oberste Kriegsherr, Kaiser Wilhelm II., träumt öffentlich von der Erfüllung des Dichterworts: »An deutschem Wesen wird einmal noch die Welt genesen.«
Deutschland, durch die Marokkokrise außenpolitisch weitgehend isoliert, ist mit Österreich-Ungarn und Italien im Dreibund vereinigt, Italien setzt sich jedoch wegen seiner nordafrikanischen Kolonien immer mehr ins Einvernehmen mit Frankreich und Großbritannien, den wichtigsten Gegenkräften des Deutschen Reichs. Die deutsche These von der britischen »Einkreisungspolitik« erhält neue Nahrung durch das britisch-französisch-spanische Mittelmeerabkommen sowie den Petersburger Vertrag zwischen Großbritannien und Russland. Letzterer räumt die Gegensätze der beiden Großmächte in Asien aus und ergänzt die britisch-französische Entente cordiale zur Tripelallianz.
Damit stehen die Bündniskonstellationen bis zum Ausbruch des Ersten Weltkriegs fest. Die Zweite Haager Friedenskonferenz versucht zwar, der internationalen Spannung entgegenzuwirken, doch angesichts der weltweiten Hochrüstung – vor allem des deutsch-britischen Wettrüstens zur See – können und wollen die Politiker dieses Ziel nicht erreichen.
Ansätze von Demokratisierung allerorten
Zu den Hauptereignissen des Jahres zählt der von revolutionären Unruhen begleitete Demokratisierungsprozess im Zarenreich. Obwohl die Demokratiebewegung in Russland unterdrückt wird, strahlen die russischen Ereignisse auf andere Länder aus. So erreicht das persische Volk durch Massenproteste, dass der neue Schah Mohammad Ali die Verfassung anerkennt. Auch in Bulgarien wird bei Streiks nicht nur eine Verbesserung der wirtschaftlichen Lage gefordert, die Menschen wollen demokratische Rechte und Freiheiten.
Die Forderung nach mehr Mitbestimmung wird auch in Ländern erhoben, in denen die Demokratie weitgehend gefestigt ist. So will Premier Henry Campbell-Bannerman, der erste liberale Regierungschef Großbritanniens in diesem Jahrhundert, den Einfluss des nicht vom Volk gewählten Oberhauses auf die Gesetzgebung drastisch einschränken und löst damit einen Kampf zwischen »Volk« und »Lords« aus. Die sozialistische Regierung Frankreichs versucht, die Demokratie durch einen Kulturkampf zu sichern: Sie führt die Trennung von Staat und Kirche durch, um die Macht des Klerus zu brechen. Auch im Kaiserreich Österreich ist die Demokratie im Vormarsch: Dort wird erstmals das Parlament nach allgemeinem und gleichem Stimmrecht gewählt.
Reichstagswahlen im Zeichen des Kolonialismus
Im Deutschen Reich gehen die nichtdemokratischen Kräfte aus den Reichstagswahlen – den sogenannten Hottentottenwahlen – gestärkt hervor: Während die Sozialdemokratie eine vernichtende Niederlage einsteckt, finden sich Parteien von liberal bis antisemitisch im »Hottentottenblock« zusammen, einer Art Koalition unter Reichskanzler Bernhard Fürst von Bülow; gemeinsamer Nenner dieser Koalition ist der »nationale Gedanke«. Benannt sind Wahlen und Koalition nach dem blutigsten Krieg der deutschen Kolonialgeschichte, dem Hottentottenkrieg, für dessen Fortführung SPD und Zentrum im Vorjahr die Gelder verweigert hatten. Mit den Stimmen des Hottentottenblocks billigt der Reichstag nun nicht nur diese Gelder, sondern auch eines der Hauptanliegen von Kaiser Wilhelm II.: die Schaffung eines eigenen Kolonialministeriums. Ein solches Ministerium, so der oberste Kriegsherr, entspreche der gestiegenen Bedeutung der deutschen Kolonialpolitik. Der Reichstagsabgeordnete Ernst Müller-Meiningen bringt die Haltung des Hottentottenblocks in diesem Punkt auf folgende Formel: »Wir werden alles bewilligen, um den deutschen Kolonialbesitz zu erhalten.«
Aber nicht nur in den deutschen Kolonien gärt es: In Ägypten kommt es zu Massenprotesten gegen die Herrschaft Großbritanniens. Im südafrikanischen Natal bricht unter dem Eindruck des Aufstands im benachbarten Deutsch-Südwestafrika ein Zulu-Aufstand aus. In Britisch-Indien lässt die Kolonialmacht Oppositionelle deportieren. Wie unmenschlich die Kolonialmächte vielfach mit den Eingeborenen umgehen, beleuchten die erschreckenden Berichte aus dem Kongostaat, der Privatkolonie des belgischen Königs.
„Sittlichkeit“ als patriarchale Antwort auf Frauenfrage und gesellschaftliche Veränderungsbestrebungen
Zu den zentralen innenpolitischen Themen zählt in allen Industriestaaten die Frauenfrage. »Nur Gattin und Familienmutter zu sein, ist heutzutage ein Beweis von Rückständigkeit«, resümiert die Zeitschrift »Die Woche«. Während die Finninnen die politische Gleichstellung mit den Männern erreichen, dauert in anderen Staaten der Kampf um dieses Recht an. Die Empörung radikaler Frauenrechtlerinnen entlädt sich in militanten Aktionen: Mehrmals versuchen Suffragetten, das britische Unterhaus zu stürmen.
Das Jahr 1907 ist aber auch ein Jahr der Affären, vor allem im Deutschen Reich. Der Eulenburg-Skandal um Homosexuelle in der Umgebung des Kaisers führt dem Ansehen der Monarchie schweren Schaden zu. Zu den peinlichsten Kolonialaffären zählt die Affäre »Puttkamerun«: Eine Liebschaft mit falschem Pass beendet die Karriere Jesko von Puttkamers, des Gouverneurs von Kamerun. Diese und ähnliche Affären kommen in einer gesellschaftlichen Atmosphäre ins Rollen, in der das Wort »Sittlichkeit« in aller Munde ist. Am Pranger stehen »rasende Weiber, irreredende Poeten, fanatische Gläubige der Aufklärung«, fast kein Tag vergeht, ohne dass die Presse über einen Prozess gegen »Unsittliche« berichtet.