Das Jahr 1908 Bosnien und die Herzegowina annektiert – Europa kurz vor einem KriegDas erste Vorspiel zur »Urkatastrophe des 20. Jahrhunderts«, wie der britische Historiker George F. Kennan den Ersten Weltkrieg genannt hat, beginnt am 5. Oktober 1908 mit der Annexion Bosniens und der Herzegowina durch Österreich-Ungarn. Der Einverleibung der beiden staatsrechtlich zum Osmanischen Reich gehörenden Balkanprovinzen in die Habsburgermonarchie folgt eine Kraftprobe zwischen den europäischen Machtblöcken Dreibund und Tripelentente, die an den Rand eines europäischen Krieges führt.
Am Ende des Jahres 1908 ist der Ausgang der Krise noch völlig offen. Zwar hat die Türkei bereits die angebotenen Kompensationszahlungen für den Verlust der seit 1878 von der Donaumonarchie okkupierten Provinzen akzeptiert, dennoch drängt Serbien, das die Länder für sich beansprucht, weiterhin auf einen Krieg mit Österreich-Ungarn. Dabei rechnet es mit der militärischen Unterstützung Russlands, das sich als Schutzherr der kleinen slawischen Balkanstaaten versteht. Erst im März 1909 findet die Krise durch einen Gewaltstreich des mit der Habsburgermonarchie verbündeten Deutschen Reichs ein Ende: Reichskanzler Bernhard Fürst von Bülow fordert Russland ultimativ auf, die Annexion endlich anzuerkennen und damit Serbien fallenzulassen. Zähneknirschend muss das von Revolution und Krieg geschwächte Zarenreich nachgeben. Sein Rückhalt in der Tripelentente ist noch zu schwach, als dass es sich auf eine kriegerische Konfrontation mit dem hochgerüsteten Deutschen Reich einlassen könnte. Wilhelm II. manövriert sich ins AbseitsDer Balkan ist nur eines der vielen Krisengebiete dieses Jahres, das auf politisch-diplomatischer Ebene von nervöser Spannung gekennzeichnet ist. Seit sich Großbritannien und Russland 1907 über ihre imperialistischen Interessen in Persien, Afghanistan und Tibet verständigt haben, ist Europa in zwei Machtblöcke geteilt: Den Dreibundstaaten Deutsches Reich, Österreich-Ungarn und Italien steht die Tripelentente von Großbritannien, Frankreich und Russland gegenüber. Während aber die Ententepartner 1908 enger zusammenrücken, wächst das Misstrauen der Mittelmächte gegenüber der Bündnistreue Italiens, das aus vielen Gründen den Anschluss an die Tripelentente sucht. So kommt es, dass sich das Deutsche Reich zunehmend isoliert fühlt, »eingekreist« von feindlichen Mächten, wie sich Kaiser Wilhelm II. in einer seiner martialischen Reden ausdrückt. Doch die vermeintliche Einkreisung ist eher eine Ausgrenzung Deutschlands: Großbritannien, Frankreich und Russland teilen die Objekte ihrer imperialistischen Interessen unter Ausschluss des Deutschen Reichs untereinander auf.
Deutschland ist an dieser Entwicklung nicht unschuldig. Besonders deutlich wird das im Sommer 1908, als Großbritannien auf verschiedenen Ebenen versucht, mit dem Deutschen Reich zu einem Abkommen über eine Verlangsamung der Flottenrüstung zu gelangen. Doch Kaiser Wilhelm erklärt, dass ihm ein besseres Verhältnis zu Großbritannien um den Preis des Ausbaus der deutschen Flotte nicht wünschenswert erscheine. So dreht sich die Rüstungsspirale weiter, und das angespannte Verhältnis zwischen den beiden Staaten verschlechtert sich zunehmend. Wenige Wochen nach Beginn der bosnischen Annexionskrise erscheint in der britischen Tageszeitung »The Daily Telegraph« ein Interview mit Kaiser Wilhelm II., das den antideutschen Ressentiments in Großbritannien neue Nahrung gibt und im Deutschen Reich zu einem Aufschrei der Empörung über das »persönliche Regiment« des Kaisers führt. Die Affäre um die überheblich-dummen Behauptungen Wilhelms II. steigert sich zu einer innenpolitischen Krise. Sie endet mit dem Vertrauensverlust zwischen Wilhelm und seinem Kanzler Bernhard Fürst von Bülow und mit einer Stärkung des konstitutionellen Prinzips im Deutschen Reich. Schneller, weiter, höher, größer – bis zum AbsturzWeit mehr als die großen außenpolitischen Ereignisse des Jahres 1908, wie die jungtürkische Revolution, die Machtkämpfe in Marokko und Persien oder der Thronwechsel in China, erregt die Zerstörung des Zeppelin-Luftschiffs »LZ 4« die deutsche Öffentlichkeit. Hugo von Hofmannsthal vergleicht »diese von keiner Fantasie zu überbietende Verbindung von Triumph und Katastrophe« mit den Tragödien Shakespeares. Und Kaiser Wilhelm stilisiert den Grafen Zeppelin zum »größten Deutschen des Jahrhunderts«.
Die Zerstörung von »LZ 4« kann das Vertrauen in den technischen Fortschritt und die vermeintlichen Segnungen des industriellen Zeitalters aber nicht erschüttern. Schneller, weiter, höher, größer – diese Maximen der neuen Zeit gelten auf allen Gebieten, von der Luftfahrt über den Bau von Schlachtschiffen bis zur beginnenden Massenproduktion von Automobilen. Das Leben in den Städten wird hektischer, der Verkehr dichter, die Luft schlechter, dafür aber auch die Mobilität einiger Bevölkerungsschichten größer.
Nach wie vor sind jedoch jene, die den technischen Fortschritt ermöglichen, in hohem Maß unterprivilegiert. Nach wie vor kämpft die preußische Sozialdemokratie um das allgemeine und gleiche Wahlrecht. Wie stark die Arbeiterschaft immerhin geworden ist, zeigt das Ergebnis der preußischen Landtagswahlen: Trotz des Dreiklassenwahlrechts ziehen zum ersten Mal sieben Sozialdemokraten in den Landtag ein. Die wirtschaftliche Lage wird weltweit von den Folgen einer Überproduktionskrise bestimmt: Hohe Arbeitslosenzahlen, sinkende Kaufkraft, übervolle Lager. Doch die Welt erholt sich rasch: Schon 1909 bessert sich die wirtschaftliche Lage wieder, ein neuer Boom setzt ein. Gleichzeitig verschärft sich der Kampf zwischen den Großmächten um Rohstoffgebiete und Absatzmärkte. Das Wettrüsten nimmt enorme Ausmaße an. Nur wenige Hellsichtige ahnen 1908, dass das hektische Treiben direkt in die »Urkatastrophe des Jahrhunderts« führt.
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