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Das Jahr 1910

Es brodelt weiter in Europa

Für Europa ist 1910 ein Jahr trügerischen Friedens. Konflikte werden nicht mit Waffen ausgetragen, sondern artikulieren sich in diplomatischen Aktivitäten und in lautstarken Reden nationalistischer Politiker.

Die allgemeine Hochrüstung, das deutsch-britische Wettrüsten zur See, der deutsch-französische Gegensatz in Marokko, die Elsass-Frage, die Spannungen auf dem Balkan, italienische Annexionsgelüste in Nordafrika, die österreichisch-italienischen Reibungen um »unerlöste« italienische Gebiete im Habsburgerreich – die Konflikte sind allgegenwärtig und bereiten den Boden für eine Konfrontation, die sich zum Weltkrieg ausweitet.

Rom gehört wie Berlin und Wien dem Dreibund an, doch die Donaumonarchie misstraut der Bündnistreue dieses Partners und verstärkt die Truppen im Isonzo-Gebiet. Unklar bleibt die Rolle Russlands: Zwar ist das Zarenreich mit Großbritannien und Frankreich vertraglich verbunden, die Potsdamer Entrevue zwischen dem Zaren und dem deutschen Kaiser wird in London und Paris jedoch mit Irritationen zur Kenntnis genommen.

Die Initiative, die zu wichtigen Verschiebungen im Fernen Osten führt – auch hier ohne Krieg –, kommt aus dem Land der Dollardiplomatie: Washington fordert die Großmächte auf, gemeinsam mit den USA die wirtschaftliche (und damit politische) Führung im Reich der Mitte zu übernehmen. Als Formel für die Aufteilung Chinas hat das Weiße Haus das Schlagwort von der »offenen Tür« geprägt. Während Berlin und London kühl reagieren, führt das amerikanische Vorpreschen zur Einigung der Gegner Russland und Japan: Der Zar überlässt dem Tenno Korea und erhält dafür freie Hand in der Mandschurei; auf britische Interessen wird bei diesem Handel keine Rücksicht genommen. Am 22. August annektiert Japan das Kaiserreich Korea.

Weltweiter Aufstand gegen verkrustete Strukturen


nächtliche Straßenkampfszene in Berliner Stadtteil Moabit

Der weitgehend ruhigen außenpolitischen Situation entspricht in vielen Ländern eine innenpolitische Aufbruchstimmung, die Massenbewegungen gegen die überkommenen gesellschaftspolitischen Strukturen hervorbringt. In Lissabon schlägt das Volk den König in die Flucht, Portugal wird Republik, In Mexiko beginnt die Revolution gegen den Diktator Porfirio Díaz. Die Massen in China erzwingen von der Regierung des vierjährigen Kaisers P'u-i die Einberufung eines Vorparlaments. Doch das Zugeständnis Pekings kommt zu spät, die Revolution ist nicht mehr aufzuhalten.

In Preußen erreicht die Agitation gegen das Dreiklassenwahlrecht ihren Höhepunkt. In Großbritannien lösen Vorschläge für soziale Reformen einen Kampf zwischen »Volk und Lords« aus, der im Jahr darauf zur Abschaffung des Oberhaus-Vetorechts führt. In Frankreich, Spanien und Wales nehmen Streiks anarchistische Züge an, und in Berlin kommt es bei den Moabiter Krawallen zu Szenen beispielloser Gewalt aufseiten der Streikenden wie der Polizei. In London wiederum zeigen die Suffragetten durch spektakuläre Aktionen, dass es ihnen mit dem Erreichen politischer Rechte ernst ist.

Mit Gewalt und Schwüren gegen den „Modernismus“


Karikatur aus Zeitschrift "Jugend"zum Motuproprio, das d. Antimodernisteneid vorschreibt (Papst Pius X.verordnet jährlichen Eid gegen die Moderne); 1910; - Kirche (katholische)

Auch auf wirtschaftlichem Gebiet äußert sich die Gärung: Für Frankreich ist 1910 das Jahr mit den bislang meisten Streiks in diesem Jahrhundert, Ähnliches gilt für Großbritannien, und die Aussperrung von rund 200 000 Bauarbeitern im Deutschen Reich ist bisher einmalig. Inquisitorisch reagiert der Vatikan auf das Phänomen, dass Menschen selbstständig zu denken und zu handeln beginnen, ohne die Obrigkeit zu befragen: Er bezeichnet die Unruhe, die auch viele Katholiken erfasst, als »Modernismus« und verpflichtet alle Geistlichen einschließlich der katholischen Hochschullehrer zum »Antimodernisteneid«, einem Schwur, der die Beschäftigung mit modernem sozialem, politischem und philosophischem Gedankengut verbietet und jährlich wiederholt werden muss.

Auch die deutsche Regierung, die keine vom Volk gewählte ist, muss einer wachsenden Opposition begegnen. Die Strafversetzung nicht systemkonformer Beamter ist dabei eine wirksame Methode, da sie kaum zu Schlagzeilen führt. Kanalisierung heißt ein anderes Mittel: Um der Sozialdemokratie das Wasser abzugraben, wird der Ausbau des sozialen Netzes in der sog. Reichsversicherungsordnung vorbereitet. Für das ideologische Rüstzeug sorgt der oberste Kriegsherr: Wilhelm II. entwirft in seiner Königsberger Rede das Idealbild eines Volks unter Waffen, in dem die Männer »kriegerische Tugenden« pflegen, die Frauen »stille Arbeit im Haus« zelebrieren und ihre Kinder »zum Gehorsam und zum Respekt« erziehen. Der Mann, der sich »als Instrument des Herrn« betrachtet, verschweigt nicht, was er vom Parlamentarismus hält: »Ohne Rücksichten auf Tagesansichten und -meinungen gehe Ich Meinen Weg.«

Abstrakte Malerei und literarischer Expressionismus entstehen


Tilla Durieux als Königin Iokaste von Theben, in der Max-Reinhardt-Inszenierung von " Ödipus " in der Bearbeitung von Hugo von Hofmannsthal im Zirkus Schumann in Berlin

Dass 1910 das Geburtsjahr der abstrakten Malerei und des literarischen Expressionismus ist, deutet auf den Umbruch auch im Bereich der Kunst. Während die meisten gesellschaftlich anerkannten Künstler der pompösen Kulturdoktrin des Wilhelminismus verpflichtet sind, reagieren viele junge Künstler mit der Schaffung von Gegenwirklichkeiten: Neben der abstrakten Malerei und dem Expressionismus sind solche Bewegungen der Orphismus und der Futurismus. Maler wie Literaten lehnen immer häufiger die bürgerliche Gesellschaft als eine vom Untergang bedrohte Welt in der Krise radikal ab und äußern ihren Protest: 1910 erscheinen das »Futuristische Manifest« und die Zeitschrift »Der Sturm«.

Zu den kulturellen Höhepunkten dieses Jahres zählen die Uraufführungen der Ballette »Feuervogel« und »Scheherazade« durch Sergei Diaghilews Ballets Russes. Die Oper »Salome« von Richard Strauss rehabilitiert in Großbritannien den verfemten Dichter Oscar Wilde, und Edmond Rostands Vogeldrama »Chantecler« beeinflusst die Mode. Wegweisend wird die Inszenierung des sophokleischen »Ödipus« durch Max Reinhardt. Zum meistgespielten Stück im deutschsprachigen Raum avanciert allerdings Karl Schönherrs »Glaube und Heimat« – Inhalt wie Titel.

Fotos des Jahres

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Elixir Heroin Hyd. Conc. 1910
Stehen Sie bequem?! Atelier Frankfurt am Main
Mädchen mit Hahnenkammfrisur
Baby im Sessel
Ernst im Alter von 7 Monaten
Geschwisterpaar
Kind mit Puppe
Studioaufnahme mit edler Robe
Studioaufnahme