Das Jahr 1914
Das Reich beginnt den Krieg im Westen
»Eine Landung in England war der Traum, der unter den gotischen Gewölben des Ratskellers nebelte. Die Augen funkelten, und die Beschießung Londons ward verhandelt. Die Beschießung von Paris war eine Begleiterscheinung und vollendete die Pläne, die Gott mit uns vorhatte.«
Mit diesen satirischen Worten charakterisiert Heinrich Mann in seinem 1914 vollendeten zeitkritischen Roman »Der Untertan« die Stammtischgedanken deutscher Bürger aus der letzten Epoche des Kaiserreiches. Der Traum vom Kaiserreich als Weltmacht – so wollen es die deutsche Regierung und das deutsche Militär – soll noch 1914 Wirklichkeit werden: Am frühen Morgen des 4. August marschiert die deutsche Armee in das Nachbarland Belgien ein, beginnt damit ihre wohlvorbereitete Westoffensive und zugleich den ersten Weltkrieg in der Geschichte der Menschheit.
Als Vorwand dient das Attentat von Sarajevo
Nach dem tödlichen Attentat auf den österreichisch-ungarischen Thronfolger Erzherzog Franz Ferdinand und seine Frau am 28. Juni in Sarajevo hatte sich die Kriegsgefahr in Europa trotz hektischer diplomatischer Kontakte zwischen den Großmächten ständig verdichtet. Die »Julikrise« mit ihren oft im Stundenabstand gewechselten Depeschen belegt, dass sowohl die deutsche wie die österreichisch-ungarische Regierung das Attentat von Sarajevo für ihr machtpolitisches Kalkül zu nutzen verstehen. Mit dem Ausbruch des Weltkrieges im August 1914 beginnt ein erbarmungsloser Kampf um die Machtverteilung in Europa und den Kolonien zwischen den Dreibundpartnern Deutsches Reich und Österreich-Ungarn einerseits und der Tripelentente – dem Bündnis zwischen Russland, Frankreich und Großbritannien – andererseits. Die ersten spektakulären Erfolge der deutschen Truppen an West- und Ostfront können nicht darüber hinwegtäuschen, dass der geplante rasche Sieg über Frankreich nicht möglich ist. Bereits die Marneschlacht im September versetzt den deutschen Siegesträumen einen entscheidenden Dämpfer; nach den beiden Flandernoffensiven im Herbst 1914 erstarrt der deutsche Angriff zu einem zermürbenden Stellungskrieg.
Allerorten lange geplant, nun Wirklichkeit: Der gewollte Krieg
Für scharfsichtige zeitgenössische Beobachter kommt der Kriegsausbruch im August nicht überraschend – zu viele Anzeichen deuten bereits in der ersten Hälfte des Jahres 1914 auf eine bevorstehende militärische Konfrontation hin. Vor allem das Deutsche Reich und die österreichisch-ungarische Doppelmonarchie – getrieben vom Hunger nach Weltmacht das eine, bedroht von der Gefahr innerer Auflösung das andere Land – bereiten den bewaffneten Konflikt zielstrebig vor. So drängt der deutsche Generalstabschef Helmuth von Moltke bereits im Frühjahr auf einen möglichst raschen Angriff gegen Russland, um das rasant rüstende Zarenregime im östlichen Nachbarstaat als machtpolitischen Faktor zu degradieren. Die Friedensappelle, die vor allem aus dem sozialistischen Lager kommen, vermögen den immer näher rückenden Krieg nicht zu verhindern. Nach Kriegsausbruch reiht sich die Arbeiterbewegung in den kriegführenden Staaten – auch die deutsche Sozialdemokratie – größtenteils ein in die verbreitete »patriotische« Stimmung. Nur wenige standhafte Pazifisten, wie Karl Liebknecht, verweigern der Kriegspolitik jede Unterstützung.
Letztlich läutet der Krieg das Ende des seit über 40 Jahren bestehenden deutschen Kaiserreiches ein, das sich 1914 noch einmal in seiner ganzen Widersprüchlichkeit entfaltet. Es erweist sich bereits in den letzten Friedensmonaten als eine durch und durch militarisierte Gesellschaft, die ihren weithin sichtbaren repräsentativen Glanz in der Person von Kaiser Wilhelm II. findet. Nicht umsonst werden die Jahre vor dem Weltkrieg als »wilhelminische« Epoche bezeichnet: Der letzte deutsche Monarch steht bei der traditionellen Neujahrszeremonie in der Reichshauptstadt Berlin ebenso im Rampenlicht wie bei einer feierlichen Kanaleinweihung in Kiel.
Einheitsfront der Hurrapatrioten
Politische Macht dagegen übt eine Lobby aus Schwerindustrie und Großagrariertum aus. Unterstützt von politisch rechtsorientierten gesellschaftlichen Gruppen wie dem Alldeutschen Verband und der halbmilitärischen Jugendorganisation Jungdeutschlandbund sowie der preußischen Generalität, fordert sie Expansionsstreben und Aufrüstung, Weltmachtdenken und soldatische Gesinnung im Deutschen Reich.
Die von Heinrich Mann im »Untertan« charakterisierte kriegerische Haltung des Bürgertums im deutschen Kaiserreich zeigt sich erst recht nach Beginn des Krieges. In öffentlichen Pamphleten stellen deutsche Intellektuelle – Künstler wie Wissenschaftler – die blutigen Schlachten als Kampf des »zivilisierten« Deutschtums gegen die internationale Barbarei dar.
Kritische Stimmen werden zum Verstummen gebracht: Nur neun Tage nach Kriegsausbruch muss der Vorabdruck von Heinrich Manns »Untertan« in der Münchener Zeitschrift »Zeit im Bild« aus Furcht vor der Zensur gestoppt werden. Noch am 18. November spricht Thomas Mann gegenüber seinem älteren Bruder Heinrich von einem »großen, grundanständigen, ja feierlichen Volkskrieg«, den das Deutsche Reich führe.
Für die Bevölkerung in Stadt und Land endet das Jahr angesichts wachsender Armut und Nahrungsmittelknappheit in der Sorge um das tägliche Überleben, für die Soldaten in den Schützengräben bedeutet der Rest des Jahres Angst vor dem allgegenwärtigen Tod.