Das Jahr 1919
In Versailles diktieren die Sieger die Nachkriegsordnung
Mit den Pariser Friedenskonferenzen zur Beendigung des Ersten Weltkriegs, mit den Friedensverträgen von Versailles und Saint-Germain-en-Laye und mit der Gründung des Völkerbunds wird das Jahr 1919 für die Entwicklung Europas und der Welt in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts zu einem Schlüsseljahr.
Auf den Pariser Friedenskonferenzen schreiben die alliierten Siegermächte des Ersten Weltkriegs die staatliche Neuordnung Europas und des Nahen Ostens fest und teilen die ehemaligen deutschen Kolonien unter sich auf. Die Neuordnung in Europa betrifft vor allem die nach dem Zusammenbruch der österreichisch-ungarischen Doppelmonarchie entstandenen »Nachfolgestaaten«, d. h. die neuen Staaten Deutschösterreich, Ungarn, Tschechoslowakei und das Königreich der Serben, Kroaten und Slowenen (Jugoslawien). Deutschösterreich und Ungarn werden zu Rumpfstaaten reduziert, wobei die Territorialforderungen der Kriegsgegner in der Regel befriedigt werden – ungeachtet des von den Siegermächten proklamierten Selbstbestimmungsrechts der Völker. Südtirol z.B. wird ohne Volksabstimmung Italien zugesprochen. Das daraus resultierende Minderheitenproblem wird die Welt noch lange beschäftigen.
Gebietsverluste und Reparationsforderungen schüren Revisionismus
Die Revision der in Paris festgelegten Grenzen ist in der Folgezeit nicht nur ein Wunsch deutscher »revisionistischer« Politiker, sondern auch der Ungarn, der Österreicher, der Siebenbürger, der Südtiroler und anderer. Während sich die Europäer fast widerstandslos den Diktaten der Großmächte fügen, proklamiert Mustafa Kemal Pascha (Kemal Atatürk) den bewaffneten Widerstand gegen diese auch von der türkischen Regierung akzeptierte Politik und beginnt mit seinen Freischaren einen Unabhängigkeitskrieg, der zum endgültigen Sturz des Sultanats in der Türkei führt. Afghanistan ruft seine völlige staatliche Selbstständigkeit von Großbritannien aus und setzt sie in einem Krieg gegen die Kolonialmacht durch. Auch in Ägypten fordert das Volk die Unabhängigkeit von Großbritannien.
Mit den Friedensschlüssen von Versailles und Saint-Germain-en-Laye zwingen die Alliierten dem Deutschen Reich und Deutschösterreich eine »Friedensordnung« auf, die im Wesentlichen von Macht- und Wirtschaftsinteressen bestimmt ist und vor allem das Deutsche Reich »bestrafen« soll. Die warnenden Stimmen, die auch im Lager der Alliierten Stellung gegen diese Friedensdiktate beziehen, bleiben ungehört.
Ein internationaler Staatenbund, der Völkerbund, soll über die Friedensordnung wachen und künftige Kriege verhindern. Dieser Staatenbund wird von den Siegermächten gegründet, die Verlierermächte bleiben von ihm – vorerst – ausgeschlossen. Zwar ist der Erste Weltkrieg für die Alliierten siegreich beendet, doch auf dem Kriegsschauplatz Russland geht der Krieg mit unverminderter Heftigkeit weiter. Hier gilt der Kampf der Alliierten dem »Bolschewismus«, vor dem sie Europa retten wollen. Gegen die Sowjetregierung in Moskau kämpfen nicht nur russische Monarchisten, sondern auch britische und französische Einheiten.
Ende der Räterepubliken und politische Morde in Deutschland
Innenpolitisch bringt das Jahr 1919 im Deutschen Reich und in Österreich das Ende der Revolutionen von 1918 und die Etablierung der Demokratie. Aufstände von Spartakisten und Kommunisten gegen die »bürgerliche« Demokratie scheitern, die Räterepubliken in Braunschweig, Bremen und München werden von Regierungstruppen und von Freikorps, in denen sich immer mehr rechtsgerichtete Offiziere und Soldaten sammeln, zerschlagen. Da vordergründig Gefahr für die bürgerlich-parlamentarische Staatsform nur von links zu drohen scheint, kann die politische Rechte weitgehend ungestört ihre Agitation gegen die neue Regierung betreiben; sie bedient sich nicht der spektakulären Kampfmittel der Kommunisten; von Anfang an ist neben gezielter Diffamierung auch Mord ein politisches Mittel der rechten Ultras: In Berlin werden die Kommunistenführer Rosa Luxemburg und Karl Liebknecht von rechtsgerichteten Offizieren erschossen, und ein Rechtsnationaler ermordet in München den sozialdemokratischen bayerischen Ministerpräsidenten Kurt Eisner.
Demokratische Errungenschaften gehen im nationalen Getöse unter
Die bürgerlichen Parteien der Weimarer Koalition sind mit dem Odium der »Erfüllungspolitik« behaftet. Sozialdemokraten und Zentrumspolitiker unterzeichnen den »Vergewaltigungsfrieden«, der die deutsche »Schmach« besiegelt. Vor diesem Hintergrund finden viele demokratische Errungenschaften, die durch die Revolution und durch die bürgerlichen Parteien ermöglicht wurden, nicht die gebührende Beachtung oder werden abgelehnt, weil die rechtsnationale Propaganda die Demokratie mit dem Untergang der deutschen Großmachtstellung gleichsetzt. Zum ersten Mal finden freie Wahlen statt ohne Unterschied des Geschlechts. Zum ersten Mal sind auch Frauen in den Parlamenten vertreten.
Die Demokratisierung des politischen Lebens läuft parallel zur Veränderung des Arbeitslebens: Der Achtstundentag wird Wirklichkeit, die Gewerkschaften sind als Tarifpartner der Arbeitgeber anerkannt. In Washington erarbeitet eine internationale Arbeitskonferenz Richtlinien für ein internationales Arbeitsrecht, das den Umwälzungen während und nach dem Ersten Weltkrieg und dem gewachsenen Selbstbewusstsein der Arbeitnehmer und ihrer Vertreter gerecht werden soll.
Siegeszug von Avantgarde und Vergnügungsstätten im zerstörten Mitteleuropa
Kulturell ist das Jahr 1919 durch größere Offenheit gegenüber den »avantgardistischen« Künstlern gekennzeichnet. Als Symbol für dieses neue kulturelle Klima gilt die Gründung des Bauhauses in Weimar. Allen europäischen Staaten gemeinsam ist im ersten Nachkriegsjahr ein Phänomen, das in Frankreich als »Taumel«, im Deutschen Reich als »Spiel- und Tanzwut« beschrieben wird: die Sucht nach Vergnügen. In einer Zeit rapide steigender Inflation und einer katastrophalen Wirtschafts- und Versorgungslage schießen Vergnügungsstätten, Bars und Clubs wie Pilze aus dem Boden. Das Kino hat sich zum Unterhaltungsmedium Nr. 1 entwickelt.
Niemand kann die Frage beantworten, wer diejenigen sind, die es sich leisten können, in einer Zeit der Armut und der Zerstörung viel Geld für oberflächliche Vergnügungen auszugeben. In Berlin werden sie als die »Kriegs- und Inflationsgewinner« bezeichnet, in Paris als die »Nouveaux Riches« (die Neureichen).