Das Jahr 1927 In Berlin steht die Kultur in höchster Blüte1927 ist ein Jahr, in dem die »Zwanziger« wirklich golden sind: In den Großstädten sind die Revuen mit ihrer zwanglosen Abfolge von Sketchen, Gesangs- und Tanznummern stets ausverkauft. Die Berliner Ballsaison glänzt wie nie zuvor. Kulturelles und gesellschaftliches Leben stehen in voller Blüte. Die Reichshauptstadt Berlin wird zur Welthauptstadt von Musik, Film und Theater. Die Tillergirls reißen die Zuschauer zu Begeisterungsstürmen hin. Für die großen Ausstattungsshows von Eric Charrell im Großen Schauspielhaus und Hermann Haller im Admiralspalast stehen die Menschen Schlange. So unterschiedliche Meisterwerke wie Franz Lehárs Operette »Der Zarewitsch«, Bert Brechts und Kurt Weills Songspiel »Mahagonny« und Ernst Kreneks Jazzoper »Jonny spielt auf« finden große Resonanz. Die Filme »Metropolis« von Fritz Lang und »Berlin – Die Symphonie einer Großstadt« von Walter Ruttmann setzen Wegmarken in der Entwicklung dieses jungen Mediums. Auf den Theaterbühnen reicht das Spektrum von Erwin Piscator mit seiner Agitationsbühne bis zu den gewagten Klassiker-Inszenierungen Jürgen Fehlings. Wirtschaftlicher Aufschwung mit SchattenseitenAuch die Wirtschaft zeigt sich von Kriegsfolgen und Depression erholt. Seit drei Jahren ist der Dawes-Plan in Kraft. Er mildert die Reparationszahlungen aus dem Versailler Friedensvertrag und lässt Auslandsanleihen ins Deutsche Reich fließen. Das Land erlebt eine Phase der Hochkonjunktur. Die Zahl der Arbeitslosen sinkt unter eine Million, die Zahl der Konkurse fällt um 50% gegenüber dem Vorjahr. Dass dieses wirtschaftliche Hoch nicht lange anhält, ahnt niemand. Nach entbehrungsreichen Jahren wird der geringste Zweifel an der Dauerhaftigkeit des Aufschwungs schnell beiseitegewischt. Mit dem konjunkturellen Aufwärtstrend geht eine Verbesserung in der Sozialgesetzgebung einher. Im Juli beschließt der Reichstag Schutzgesetze für werdende Mütter sowie die Einführung der Arbeitslosenpflichtversicherung. Die deutschen Sozialgesetze, die seit ihrer Einführung durch Otto von Bismarck in den 80er Jahren des 19. Jahrhunderts als beispielhaft gelten, bleiben damit auch weiterhin weltweit vorbildhaft.
Das allgemein glänzende Bild hat aber auch Schattenseiten. Das Leben der unteren Schichten ist durch monotone Fabrikarbeit, Akkord und einen langen Arbeitstag geprägt. Selbst das Einkommen mittlerer Beamter ist so knapp bemessen, dass es gerade zur Haushaltsführung ausreicht. Ein preußischer Regierungsrat kann mit einem Gehalt von 737,25 RM die laufenden Kosten für eine siebenköpfige Familie nicht decken. Politische Wende nach rechts im Deutschen ReichPolitisch vollzieht sich 1927 die Wende nach rechts; damit steht das Deutsche Reich am Beginn eines Weges, der in Terror und Diktatur endet. Als Reichskanzler Wilhelm Marx im Januar sein viertes Kabinett bildet, beruft er erstmals einen Vertreter der rechtsgerichteten Deutschnationalen Volkspartei (DNVP) als Minister. Bei der Einweihungsfeier des Tannenbergdenkmals in Hohenstein (Ostpreußen) weist Reichspräsident Paul von Hindenburg die deutsche Schuld am Weltkrieg zurück. In den meisten Ländern des Deutschen Reiches wird das Redeverbot für Adolf Hitler aufgehoben, das über drei Jahre bestanden hat. Für seine NSDAP und ihn ist das ein entscheidender Schritt auf dem Weg zur Macht, er kann nun ungehindert seine Forderungen nach Revision des Versailler »Schandfriedens« erheben und der »Bewegung« neue Mitglieder zuführen. Im Ausland wird diese Entwicklung aufmerksam, jedoch mit großer Zurückhaltung registriert. Lindberghs Atlantikflug und Stalins erste SäuberungenAuch in den USA boomt die Wirtschaft; im Mai läuft in den Detroiter Ford-Werken das fünfzehnmillionste Modell T (»Tin Lizzy«) vom Band. Am 20. Mai schafft ein Amerikaner eine Pionierleistung der Fliegerei. Charles Lindbergh wagt mit seinem Flugzeug »Spirit of St. Louis« erfolgreich den ersten Alleinflug über den Atlantik. Sein Flug wird zum Medienereignis in Europa und den USA, Lindbergh ist der gefeierte Star. Mit seiner Maschine verwirklichte er den Traum, die Alte und die Neue Welt einander näherzubringen. Die Jubelstimmung in den USA kann auch der Prozess gegen die Anarchisten Sacco und Vanzetti nicht trüben. Auch wenn Tausende auf die Straße gehen, beherrschen optimistische Prognosen das Meinungsbild.
In der Sowjetunion zeichnet sich 1927 eine dramatische Verschärfung des Machtkampfes in der politischen Führung ab. Josef Stalin entmachtet im November seine früheren Mitkämpfer Leo Trotzki, Grigori Sinowjew und Lew Kamenew; sie wollten seinem Kurs einer rücksichtslosen Verwandlung des Landes vom Agrar- zum Industriestaat nicht folgen. Stalin beginnt den blutigen Kampf um die Alleinherrschaft, dem in den kommenden Jahrzehnten Hunderttausende zum Opfer fallen werden.
Weit entfernt von der europäischen Öffentlichkeit fällt auch im Fernen Osten eine Entscheidung, die in einen jahrzehntelangen Konflikt mündet. In Schanghai lässt Chiang Kai-shek, der Führer der nationalrevolutionären Truppen der Kuomintang, die kommunistische Gewerkschaftsmiliz entwaffnen. Für die spätere Feindschaft zwischen ihm und dem kommunistischen Führer Mao Tse Tung ist der Grundstein gelegt.
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