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Das Jahr 1931

Weltwirtschaftskrise und globale politische Instabilität


Der amerikanischer Präsident Herbert Hoover, aufgenommen 1929, das Jahr, in dem er gewählt wurde.

Das Jahr 1931 steht ganz im Zeichen der sich weiter verschärfenden Weltwirtschaftskrise. Die ohnehin hohe Arbeitslosigkeit steigt rapide, der Welthandel kommt fast zum Erliegen, und die internationale Finanzwelt gerät an den Rand des Zusammenbruchs. Der nur durch massives Eingreifen der österreichischen Regierung abgewendete Zusammenbruch der Creditanstalt in Wien, die Zahlungsunfähigkeit der Darmstädter und Nationalbank im Deutschen Reich, die Abkehr des schuldengeplagten Großbritannien von der Golddeckung des Pfundes und die erheblichen Goldaufkäufe Frankreichs, des einzig scheinbar noch stabilen Landes, in Großbritannien und in den Vereinigten Staaten machen die Ungleichgewichte deutlich, die als Folge des Ersten Weltkriegs entstanden sind.

Einziger Lichtblick ist das von US-Präsident Herbert Hoover angeregte einjährige Moratorium für die Rückzahlung der Reparationen und Kriegsschulden, das dem von der Wirtschafts- und Finanzkrise besonders betroffenen Deutschen Reich die so dringend benötigte Atempause verspricht. Die mit großen Hoffnungen verbundene Initiative Deutschlands, mit Österreich eine Zollunion einzugehen, scheitert an den Siegermächten des Weltkriegs, die dahinter den Versuch einer politischen Einigung vermuten.

Zwar haben die vielfältigen internationalen Bemühungen um eine Rüstungsbegrenzung die Einberufung einer allgemeinen Abrüstungskonferenz für 1932 zum Ergebnis. Doch im Fernen Osten führen die seit langem schwelenden Spannungen zwischen Japan, das zur Hegemonialmacht in Asien aufsteigen will, und dem von inneren Auseinandersetzungen erschütterten China im September zum offenen Krieg in der Mandschurei. Die zukünftige Entwicklung Britisch-Indiens ist das Thema zweier ergebnisloser Konferenzen zwischen der britischen Regierung und Repräsentanten der indischen Volksgruppen in London. In Spanien zwingt das Volk König Alfons XIII. zum Rücktritt: Das Land wird nach 56 Jahren Monarchie zum zweiten Mal in seiner Geschichte zur Republik erklärt. In der Sowjetunion führen die von Parteichef Josef W. Stalin durchgesetzte überstürzte Industrialisierung, die Kollektivierung der bäuerlichen Betriebe und die Vertreibung der Großbauern zu tiefgreifenden sozialen Spannungen.

Wachsende Arbeitslosigkeit nutzt radikalen Parteien im Deutschen Reich


1935 / Deutschland Das Bild zeigt den deutschen Politiker Heinrich Brüning (1885-1970), der von 1930-1932 Kanzler war.

Die politische Situation im Deutschen Reich bleibt 1931 weiterhin instabil. Die Regierung von Reichskanzler Heinrich Brüning (Zentrum) hat im Reichstag keine Mehrheit und ist bei der Gesetzgebungsarbeit auf Tolerierung durch die Sozialdemokraten angewiesen, was die SPD vor eine schwere Zerreißprobe stellt. Brüning muss sich auf das Vertrauen des Reichspräsidenten Paul von Hindenburg stützen, dem die Verfassung das Recht einräumt, per Notverordnung Gesetze auch ohne Zustimmung des Parlaments in Kraft zu setzen. Mit Hilfe dieses verfassungsrechtlich umstrittenen Instruments setzt Brüning immer tiefere Einschnitte in das soziale Netz durch. Vor allem die Arbeiterschaft und die Staatsbediensteten, denen drastische Lohnkürzungen zugemutet werden, tragen die Kosten der Wirtschaftskrise.

Doch auch Brünings eiserne Deflationspolitik kann nicht verhindern, dass die Arbeitslosigkeit weiter ansteigt und bis zum Jahresende die Fünf-Millionen-Grenze überschreitet. Brüning will durch eine Angleichung der Löhne an die gesunkenen Preise die Rentabilität der Wirtschaft wiederherstellen und gleichzeitig durch Reduzierung der Staatsausgaben und Steuererhöhungen die öffentlichen Haushalte ausgleichen. Weil Brüning darin die Gefahr einer neuen Inflation sieht, sperrt er sich strikt gegen eine Erhöhung der Staatsausgaben, wodurch nach Meinung von Wirtschaftsexperten neue Arbeitsplätze geschaffen werden könnten.

Zugleich wächst die Neigung zur Gewalt; kaum ein Tag vergeht ohne blutige Auseinandersetzungen zwischen den politischen Gegnern. Vor allem die Nationalsozialisten profitieren von der wirtschaftlichen und politischen Misere: Immer mehr Menschen sehen die Partei Adolf Hitlers als einzige Rettung aus der Krise an, obwohl die NSDAP von inneren Auseinandersetzungen erschüttert wird und nicht zuletzt durch die »Boxheimer Dokumente« trotz der wiederholten Legalitätsbekundungen der umstürzlerische Charakter der Hitler-Bewegung deutlich wird.

Trotz allem: technische Höchstleistungen und kulturelle Blüte


Das Empire State Building an der Ecke Fifth Avenue u. 34. Straße, an der Spitze ein 30 m hoher Landeturm mit rotierender Kuppel für Luftschiffe.

Im Schatten der sich überstürzenden Meldungen von Arbeitslosenrekorden, Firmenpleiten und politischen Morden stehen die technischen, kulturellen und sportlichen Ereignisse des Jahres 1931. In New York entsteht mit dem Empire State Building das höchste Gebäude der Welt, in Deutschland weist der Ingenieur Fritz Kruckenberg mit seinem »Schienenzeppelin« dem Schienenverkehr neue Wege, der Schweizer Physiker Auguste Piccard stellt mit einem Stratosphärenballon einen Höhenweltrekord auf, und die beiden US-Amerikaner Wiley Post und Paul Gatty umrunden in knapp neun Tagen mit einem Flugzeug die Erde.

Kulturell ist 1931 ein aufregendes Jahr: Die zahlreichen neuen Filme wie »M – Mörder unter uns«, »Der Kongress tanzt«, »Berlin Alexanderplatz«, »Emil und die Detektive«, »Mädchen in Uniform« oder René Clairs »Die Million« und Boris Karloff als »Frankenstein« ziehen Zuschauer an und finden Zuspruch bei der Kritik. Das Theaterereignis des Jahres auf den deutschsprachigen Bühnen ist Carl Zuckmayers Tragikomödie »Der Hauptmann von Köpenick«. Der Österreicher Ödön von Horváth entlarvt mit der »Italienischen Nacht« und den »Geschichten aus dem Wiener Wald« die Schwäche der Demokratie gegenüber dem Faschismus und die Tristesse des vielgerühmten Wiener Alltagslebens. Im Bereich der bildenden Kunst entwickelt sich mit der internationalen Künstlergruppe »Abstraction-Création, Art non figuratif« eine Gegenbewegung sowohl wider die Vorurteile der Konservativisten gegen die abstrakte Malerei als auch gegen die inzwischen mit Anerkennung überhäuften Surrealisten.

Sporterfolge lenken nur kurz von wirtschaftlichen Sorgen ab


Max Schmeling, deutscher Boxer. Undatierte Aufnahme.

Zu den herausragenden sportlichen Ereignissen des Jahres gehören die Geburt des österreichischen »Wunderteams«, das in 15 Fußballländerspielen in Folge nur einmal (von England) geschlagen wird, die erfolgreiche Titelverteidigung des Schwergewichts-Boxweltmeisters Max Schmeling, der erste Wimbledon-Sieg einer Deutschen durch Cilly Aussem und die ersten internationalen alpinen Ski-Europameisterschaften in Mürren in der Schweiz.

Im Bewusstsein vieler Zeitgenossen treten diese Ereignisse jedoch zurück hinter die Probleme des Alltags: die Sorge um das tägliche Brot und um das Aufbringen der nächsten Mietzahlung, die Angst vor dem Verlust des Arbeitsplatzes und die Furcht vor einem Verlust der Ersparnisse als Folge des Bankenkrachs. Am Ende des Jahres sind weltweit rund 25 Millionen Menschen erwerbslos, dies sind mehr Menschen, als z. B. Spanien Einwohner hat.

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