Newsletter FAQ Über chroniknet Neu registrieren
ANMELDEN
Suche
 

Das Jahr 1935

Appeasement: Kein Mittel gegen Hitler

Ende März 1935 fährt der britische Außenminister John Simon zu einem seit längerem geplanten Besuch nach Berlin, um mit der nationalsozialistischen Regierung Abrüstungsgespräche zu führen. Unmittelbar vorher fragt London in einer Note an, ob der Besuch den Deutschen denn noch genehm sei, obwohl Großbritannien gegen die am 16. März angekündigte Wiedereinführung der allgemeinen Wehrpflicht im Reich protestiert habe. So bescheiden diese kleine diplomatische Begebenheit wirkt, so treffend illustriert sie doch einen Grundzug der Politik in der zweiten Hälfte der dreißiger Jahre, der 1935 Konturen anzunehmen beginnt: die Strategie des »Appeasements«, der Beschwichtigung der faschistischen Regierungen in Deutschland und Italien, die eine bedrohliche Rüstungs- und Kriegspolitik vorantreiben. Auf dem Weg der Konfliktvermeidung hofft insbesondere Großbritannien, eigene Interessen wahren und den Frieden erhalten zu können.

Nürnberger Gesetze machen Juden zu Bürgern zweiter Klasse


1.04.1933 / Deutschland Nazi Terror: Kauft nicht bei Juden.

Unterschätzt und verkannt wird international ein Ereignis, das weitreichende Folgen für die im Deutschen Reich lebenden Juden hat: Im September 1935 verabschiedet der aus Anlass des NSDAP-Parteitags versammelte Reichstag die sog. Nürnberger Gesetze, die Antisemitismus und Judenverfolgung auf eine gesetzliche Grundlage stellen. Das »Reichsbürgergesetz« und das »Gesetz zum Schutz des deutschen Blutes und der deutschen Ehre«, von Hitler zynisch als Versuch bezeichnet, »ein erträgliches Verhältnis zum jüdischen Volk herstellen zu können«, degradiert Juden zu Bürgern zweiter Klasse. Es schafft zudem einen Rahmen für ihre systematische Diskriminierung, an deren Ende die Vernichtung in Konzentrationslagern steht. Diese Perspektive, die historische Bedeutung der »Nürnberger Gesetze«, wird 1935 weder innerhalb noch außerhalb des Deutschen Reiches erkannt. Obwohl im Vorfeld der Olympischen Spiele 1936 in Berlin der Antisemitismus der nationalsozialistischen Politik zu verschiedenen internationalen Olympia-Boykottbewegungen führt, verlaufen diese Initiativen doch letztlich im Sande.

Das braune Regime bekämpft die Arbeitslosigkeit mit Aufrüstungsmaßnahmen

Nicht zuletzt die relativ günstige wirtschaftliche Entwicklung legitimiert das nationalsozialistische Regime vor der deutschen Bevölkerung. Besonders die Arbeitslosigkeit ist im internationalen Vergleich seit der katastrophalen Weltwirtschaftskrise Anfang der dreißiger Jahre ungewöhnlich stark gesunken. Der scheinbare Erfolg kommt freilich in erster Linie aufgrund der exorbitant wachsenden Rüstungsanstrengungen zustande. 1935 wendet die deutsche Regierung ein Vielfaches dessen für militärische Belange auf, was sie 1933 – im Jahr des Machtantritts – dafür ausgab. Die Wiedereinführung einer Wehrpflichtigenarmee mit einer Friedensstärke von 500 000 Mann holt entsprechend viele potenzielle Arbeitsuchende von der Straße. Gemeinsam mit der durch Rüstungsausgaben stimulierten Beschäftigung wird so ein weit größerer Einfluss auf den Arbeitsmarkt ausgeübt als durch andere Arbeitsbeschaffungsmaßnahmen wie etwa den gefeierten Bau der Autobahn, deren erste Teilstrecke im Mai 1935 eingeweiht wird.

Hitler unterminiert den Versailler Vertrag mit unfreiwilliger britischer Hilfe


Pierre Laval, Benito Mussolini, James R. MacDonald und Pierre É. Flandin in Stresa

Mit dem Aufbau der Wehrmacht, der Luftwaffe und einer U-Boot-Flotte zerreißt die deutsche Regierung den Friedensvertrag von Versailles aus dem Jahr 1919, der jeden einzelnen dieser Schritte explizit untersagte. Zwar betrachtet namentlich Großbritannien den Vertrag ohnehin mittlerweile eher als Hindernis für eine friedliche Koexistenz mit dem Deutschen Reich, dennoch bedeutet das einseitige deutsche Vorgehen einen beispiellosen Affront gegenüber den anderen europäischen Mächten. Wird in der Presse unmittelbar nach Bekanntgabe der Wehrpflicht darüber spekuliert, ob Frankreich militärisch reagieren und ins Rheinland einmarschieren werde, so sieht die Reaktion Europas auf das Vorpreschen des NS-Staates de facto anders aus: Protestnoten werden geschickt, auf der Konferenz von Stresa verurteilen Frankreich, Großbritannien und auch Italien die deutschen Maßnahmen. Die britische Regierung selbst aber unterhöhlt die eigenen Bekundungen, indem sie mit dem Deutschen Reich im Juni ein sensationelles Flottenabkommen schließt, das den deutschen Forderungen völlig entspricht und den Bruch des Versailler Vertrages noch gleichsam offiziell honoriert. Die Hoffnung der Briten: den »höllisch dynamischen« Hitler (so Eric Phipps, britischer Botschafter in Berlin) durch ein Abkommen zu zähmen, gewissermaßen zu besänftigen, um größeres Unheil zu verhüten.

Italien annektiert Äthiopien – der Völkerbund lässt es geschehen


Italienenische Soldaten in Abessinien

Ähnlich unentschlossen und zweigleisig verfahren Großbritannien und Frankreich auch angesichts des spektakulärsten Ereignisses des Jahres 1935, Italiens Kolonialkrieg gegen Abessinien (heutiges Äthiopien). Mussolini wagt den Angriff erst, als er nach einem Abkommen mit Frankreich, in dem die Staaten noch einmal ihre kolonialen Interessensphären in Nordafrika abstecken, auf Stillschweigen aus Paris zählen kann. Großbritannien verzichtet auf eine konsequente Haltung gegenüber Italien im Abessinienkrieg, weil man den Partner der »Stresafront« auf seiner Seite behalten und nicht etwa dem Deutschen Reich in die Arme treiben möchte – eine vergebliche Hoffnung, wie sich schon 1936 zeigt.

Sanktionen des Völkerbundes gegen den Aggressor Italien laufen schon deshalb ins Leere, weil die USA, die nicht Mitglied der Staatengemeinschaft sind, Italien weiter mit Öl versorgen. Da sich auch die Mitgliedsländer nur in Übereinstimmung mit ihren jeweiligen Interessen und Abhängigkeiten an die eigenen Sanktionsbeschlüsse halten, hat Italien wenig Schwierigkeiten, den Krieg 1936 siegreich zu beenden und Abessinien zu annektieren. Mussolinis Kolonialfeldzug geht nicht nur als Resultat faschistischen Expansionsdranges in die Geschichte ein, sondern auch als Symbol für das Versagen der Völkerbundsidee, Konflikte friedlich zu regeln.

Fotos des Jahres

Alle Fotos unserer Mitglieder zu diesem Jahr anzeigen

Alt Köln
Alt Köln
Alt Köln
Alt Köln
Alt Köln
Alt Köln
Alt Köln
Alt Köln
Alt Köln