Das Jahr 1936 Hitler und Mussolini: Die Achse Berlin-Rom erschüttert EuropaNachträglich muss es scheinen, als zeichne sich 1936 überdeutlich ab, dass die Welt in nächster Zeit auf einen weiteren großen Krieg zusteuert. Die Fronten formieren sich immer klarer, deutsche Nationalsozialisten und spanische und italienische Faschisten mobilisieren alle Kräfte, um den Status quo auszuhöhlen, um in aggressiver Form Tatsachen in ihrem Sinn zu schaffen: Hitler lässt 30 000 Wehrmachtssoldaten das entmilitarisierte Rheinland besetzen und gibt damit nicht nur dem verhassten Friedensvertrag von Versailles, sondern auch dem Abkommen von Locarno, das 1925 die Westaussöhnung mit Frankreich brachte, den Todesstoß. Die »Achse Berlin-Rom«, von Mussolini so bezeichnet, tritt 1936 ins Leben und wächst schnell zu einem engen Bündnis der Diktatoren. Hitler und Mussolini einigen sich auf die Anerkennung und Unterstützung der Regierung des Putschisten Franco in Spanien, wo der Bürgerkrieg zwischen Anhängern der 1936 gewählten republikanischen Volksfrontregierung und der »Nationalen Front« des Generals Franco drei blutige Jahre lang das Land zerreißt. Diktatoren sehen den Spanischen Bürgerkrieg als Generalprobe für den kommenden KriegWie ein Brennglas bündelt der spanische Bürgerkrieg die internationalen Konflikte im Vorfeld des Zweiten Weltkrieges: Von Anfang an ist der Konflikt denn auch geprägt durch die internationale Beteiligung auf beiden Seiten. Francos Putsch wäre schnell gescheitert, hätten ihn nicht deutsche und italienische Truppen, Flugzeuge und Panzer massiv unterstützt. Für Hitler und Mussolini entwickelt sich Spanien zum willkommenen Übungsfeld neuer Waffen. Die UdSSR stellt sich im Oktober 1936 auf die Seite der republikanischen Regierung in Madrid, während England, Frankreich und die USA sich im Namen der Nichteinmischung heraushalten, was Spaniens Schicksal faktisch besiegelt. Das können auch die Internationalen Brigaden nicht verhindern, 40 000 Freiwillige aus 54 Ländern, die in Spanien die Republik verteidigen wollen, darunter prominente Künstler wie Ernest Hemingway oder André Malraux. Olympische Spiele in Berlin werden zur Propagandaveranstaltung – Schmeling siegt gegen LouisIhre politische Unschuld, sollten sie sie jemals wirklich besessen haben, verlieren 1936 die Olympischen Spiele, mit denen das nationalsozialistische Deutschland einen bemerkenswerten Propagandaerfolg verbuchen kann. Die USA und das Internationale Olympische Komitee verwerfen ihre wegen der NS-Rassenpolitik erwogenen Boykottgedanken, die deutschen Veranstalter lassen sich während der Spiele zu einigen oberflächlichen Konzessionen wie der Entfernung antisemitistischer Hetzplakate herbei. Den 150 000 ausländischen Gästen präsentiert sich ein um Gastfreundschaft bemühtes Deutsches Reich, das gleichzeitig stets auf die positive Demonstration seines neuen Regimes bedacht ist. Die sportlichen Erfolge der deutschen Mannschaft tun ein Übriges, um die Spiele für das nationalsozialistische Deutschland zu einem vollen Erfolg zu machen (32 Goldmedaillen).
Manche Bilder von Sportlern sind es, die sich aus dem Jahr 1936 einprägen und zu Bilddokumenten ersten Ranges werden: der explosive Start des Sprinters Jesse Owens etwa, des Superstars der Olympischen Spiele oder – diesmal nicht olympisch – der Augenblick des sensationellen K.-o.-Sieges von Max Schmeling gegen Joe Louis in New York. Während der im Ring jubelnde Schmeling die sportliche Seite dieses Boxkampfes repräsentiert, steht ein anderes, fast ebenso bekanntes Foto für seine politische Instrumentalisierung: das Ehepaar Goebbels gemeinsam mit Schmelings Frau Anny Ondra vor dem Radioapparat, die Daumen für den deutschen Boxer haltend. Friedensnobelpreis für KZ-Häftling Ossietzky – Thomas Mann ausgebürgertEin anderes berühmt gewordenes Bild zeigt den Publizisten und Pazifisten Carl von Ossietzky im Konzentrationslager. Ossietzky erhält 1936 nachträglich den Friedensnobelpreis für 1935 zugesprochen und nimmt trotz der Drangsalierungen seiner Peiniger die Ehrung an, die in Abwesenheit des Preisträgers stattfindet. Die Aufnahme vom Appell des misshandelten Intellektuellen vor dem KZ-Wachmann wirkt wie eine Inszenierung des Titels von Ossietzkys Vortrag »Kultur und Barbarei«, der ihm 1933 Festnahme und KZ-Haft einbrachte. Ossietzky stirbt 1938.
Das Vorrücken der Barbarei über die Kultur manifestiert sich 1936 auch in der Ausbürgerung eines besonders prominenten Schriftstellers: Dem im Schweizer Exil lebenden Thomas Mann wird die deutsche Staatsbürgerschaft aberkannt, nachdem er folgende Worte für das nationalsozialistische Regime gefunden hat: »Die tiefe Überzeugung, dass aus der gegenwärtigen deutschen Herrschaft nichts Gutes kommen kann, für Deutschland nicht und für die Welt nicht – diese Überzeugung hat mich das Land meiden lassen, in dessen geistiger Überlieferung ich tiefer wurzele als diejenigen, die seit drei Jahren schwanken, ob sie es wagen sollen, mir vor aller Welt mein Deutschtum abzusprechen.«
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