Das Jahr 1939
Deutschland überfällt Polen und löst den Zweiten Weltkrieg aus
Mit dem Überfall der deutschen Wehrmacht auf Polen beginnt am 1. September 1939 der Zweite Weltkrieg. Anders als von Führer und Reichskanzler Adolf Hitler erwartet, erfüllen Großbritannien und Frankreich ihre Bündnisverpflichtungen gegenüber Polen und erklären dem Deutschen Reich am 3. September den Krieg. Auch die Staaten des britischen Commonwealth treten (mit Ausnahme Irlands) in die bewaffnete Auseinandersetzung gegen das Dritte Reich ein.
Die Westmächte sind entschlossen, der Bedrohung der Freiheit und Demokratie in Europa militärisch entgegenzutreten, nachdem die Zerschlagung der Tschechoslowakei und die Angliederung des Memelgebietes gezeigt haben, dass sich Hitler nicht an die auf der Münchner Konferenz 1938 getroffenen Vereinbarungen halten wird.
Deutschland und die UdSSR verleiben sich Polen gemeinsam ein
In weniger als vier Wochen wird der deutsche Feldzug gegen Polen abgeschlossen, zugleich beginnt die planmäßige Vernichtung der polnischen Intelligenz und die gewaltsame Umsiedlung der polnischen Bevölkerung aus den annektierten Gebieten in das Generalgouvernement mit der Hauptstadt Krakau. Dorthin rollen auch Transporte mit Juden aus der ehemaligen Tschechoslowakei und dem Deutschen Reich, wo immer neue Ausnahmegesetze die jüdische Bevölkerung drangsalieren.
Eine Woche vor Kriegsausbruch hat sich Hitler durch den Nichtangriffspakt mit der Sowjetunion außenpolitische Rückendeckung für den Polenfeldzug verschafft. In einem geheimen Zusatzprotokoll vereinbaren Deutsche und Sowjets die territoriale Neuordnung weiter Teile Osteuropas und die Aufteilung Polens. Am 17. September rückt die Rote Armee in Ostpolen ein, die besetzten Gebiete werden annektiert. Am 30. November beginnt der sowjetische Überfall auf Finnland, das sich dem Aggressor allerdings in den folgenden Monaten mit Erfolg entgegenstellt.
„Achsenmächte“ machen Franco zum spanischen Diktator
Während im Osten in kurzer Zeit vollendete Tatsachen geschaffen werden, stehen sich an der Westfront die Armeen fast bewegungslos gegenüber. Die deutsche Westoffensive muss wegen des schlechten Wetters ständig verschoben werden; die ganz auf Defensive eingestellte französische Armee wiederum scheut einen Angriff. Der Schwerpunkt des Krieges verlagert sich auf die See, wobei die deutsche U-Boot-Flotte spektakuläre Erfolge verbucht. Während in China die japanische Aggression fortgesetzt wird, Ungarn sich die Karpato-Ukraine einverleibt und der deutsche »Achsenpartner« Italien Albanien erobert, endet der Spanische Bürgerkrieg im März mit dem Sieg der von Italien und dem Deutschen Reich unterstützten Nationalisten unter General Francisco Franco Bahamonde.
Industrie stellt sich auf den Krieg ein, verkennt aber die Tragweite von Innovationen
Für die Menschen im Deutschen Reich bringt der Kriegsausbruch weitere Einschränkungen: Lebensmittel und Textilien werden rationiert, neue Gesetze bedrohen oppositionelle Regungen mit harten Strafen, Steuern werden angehoben und die berufliche Freizügigkeit noch stärker eingeschränkt. Die deutsche Wirtschaft wird auf die Bedürfnisse der Kriegführung umgestellt, wobei das polnische Generalgouvernement sowie Böhmen und Mähren billige Arbeitskräfte liefern. In Schkopau wird das erste Werk zur Herstellung von künstlichem Kautschuk (Buna) und in Salzgitter die erste Hochofenanlage der Reichswerke Hermann Göring in Betrieb genommen.
Die herausragenden technischen Innovationen kommen aus der Luftfahrt: Der Konstrukteur Ernst Heinkel stellt mit der He 176 das erste Raketenflugzeug und mit der He 178 das erste Düsenflugzeug vor; ihre technische und militärische Bedeutung wird allerdings im Deutschen Reich ebenso wenig erkannt wie die Möglichkeiten der von Otto Hahn und Friedrich Straßmann Ende 1938 erstmals vollzogenen Kernspaltung.
Film des Jahres: „Vom Winde verweht“
Zu den Büchern des Jahres gehören Ernst Jüngers »Auf den Marmorklippen«, Thomas Manns Goethe-Roman »Lotte in Weimar«, der nach 16-jähriger Arbeit von James Joyce vollendete Roman »Finnegans Wake« und John Steinbecks sozialkritisches Epos »Die Früchte des Zorns«. Eine der wichtigsten neuen Opern ist Carl Orffs musikalisches Märchenspiel »Der Mond«. In Paris wird das neue Schauspiel von Jean Giraudoux, »Undine«, uraufgeführt. Ihre Premiere erleben in New York »Der Familientag« und »Mein Herz ist im Hochland« von William Saroyan.
Der Film des Jahres kommt aus den Vereinigten Staaten. Das Bürgerkriegs-Drama »Vom Winde verweht« mit Clark Gable und Vivien Leigh sorgt schon vor der Premiere für Schlagzeilen; weitere Erfolge sind »Der Glöckner von Notre Dame« mit Charles Laughton, John Fords Western »Höllenfahrt nach Santa Fé« mit John Wayne, Willi Forsts »Bel Ami«, »Wasser für Canitoga« mit Hans Albers und der auf der Biennale in Venedig prämierte Streifen »Robert Koch, der Bekämpfer des Todes«.
Sportliche Fabelleistungen vom Krieg überschattet
Schlagzeilen im Sport liefern das 9:0 von Schalke 04 im Endspiel um die Deutsche Fußballmeisterschaft gegen Admira Wien, die Siegesserie des Automobil-Rennfahrers Hermann Lang, der zwölfte Weltmeistertitel der Skirennläuferin Christl Cranz, die Weltrekorde über 400 und 800 m des deutschen Mittelstrecklers Rudolf Harbig, der erste Lauf über 10 000 m unter 30 Minuten durch den Finnen Taisto Mäki, der erste Weitsprung einer Frau über die Sechs-Meter-Marke durch Christel Schulz und der Blitz-K.o. von Max Schmeling im Europameisterschaftskampf gegen Erich Heuser.
Überschattet werden alle diese gesellschaftlichen, kulturellen und sportlichen Ereignisse und Entwicklungen des Jahres 1939 von der immer bedrohlicher werdenden Kriegsgefahr in Europa und schließlich vom Überfall der Wehrmacht auf Polen. Zum zweiten Mal in diesem Jahrhundert geht von deutschem Boden ein Krieg aus, der innerhalb kurzer Zeit über den europäischen Kontinent hinausgreift und die ganze Welt zum Kriegsschauplatz macht.