Das Jahr 1951
Ein scheinbar normales Nachkriegsjahr
1951 scheint auf den ersten Blick ein normales Jahr zu sein. Gesellschaftliche Höhepunkte werden wie eh und je gefeiert: Im Iran und in Ägypten spiegeln Märchenhochzeiten eine heile Welt aus Tausendundeiner Nacht vor. Schah Resa Pahlewi, Herrscher auf dem Pfauenthron, heiratet die deutschstämmige Soraya, König Faruk von Ägypten die 17-jährige Narriman Sadek.
Sportereignisse bleiben Publikumsmagneten: An Radiogeräten verfolgen Boxfans den letzten dramatischen Auftritt der »Legende« Joe Louis. Die Erfolge des »Pédaleur de charme«, des Schweizers Hugo Koblet, bei der »Tour der Leiden« in Frankreich und der Weltmeisterschaftstriumph des deutschen Eiskunstlaufpaares Ria Baran/Paul Falk finden große Beachtung.
Auch das Showbusiness produziert wie immer seine Schlagzeilen: Während der Kinderstar Conny Froboess seinen ersten Hit landet, scheint sich die kometengleiche Karriere von »Frankieboy« Sinatra nach Skandalen dem Ende zuzuneigen. Ein Jahr der »routinierten Sensationen«, so scheint es – aber ist es nicht noch mehr?
Langsame Normalisierung in Deutschland: Wege aus der internationalen Isolierung
In Deutschland hebt sich zum ersten Mal nach dem Krieg der Vorhang für die »entrümpelten« Wagner-Festspiele in Bayreuth. Die Neuinszenierungen hinterlassen ein Publikum, das zwischen Euphorie und gnadenlosem Verriss schwankt. Als Kulturereignis von internationalem Rang und ständiger Stein des Anstoßes erobern sich die Festspiele im offiziellen Kulturbetrieb den Spitzenplatz zurück, den sie in den Köpfen eingefleischter Wagnerianer ohnehin immer hatten.
Sechs Jahre nach dem Krieg endet die sportliche Isolierung der Bundesrepublik: In der Schweiz tritt die deutsche Fußball-Nationalelf zu ihrem ersten Nachkriegsländerspiel im Ausland an. Die Teilnahme an den Olympischen Spielen 1952 in Oslo und Helsinki rückt in greifbare Nähe. Die gescheiterten Verhandlungen zum Aufbau einer gesamtdeutschen Olympiaauswahl sind einige der wenigen Gelegenheiten, bei denen sich Delegierte beider deutscher Staaten an einem Tisch gegenübersitzen. Die schwierigen Konferenzen zwischen Deutschen und Deutschen charakterisieren allerdings nicht nur die sportpolitischen Beziehungen, sondern dokumentieren u. a. die Verankerung der Bundesrepublik und der DDR in unterschiedlichen ideologischen Lagern.
Ost-West-Gegensatz vertieft sich
Divergierende Weltanschauungen werden auch durch den Notenwechsel zwischen Adenauer und Grotewohl über die Bedingungen der deutschen Wiedervereinigung aufgedeckt – an ein ernsthaftes Angebot zur Überwindung der Spaltung scheint keiner von beiden zu denken. Die Westmächte – allen voran die USA – sind angesichts der Auseinandersetzung mit dem Kommunismus in erster Linie an den ökonomischen Ressourcen der Bundesrepublik interessiert. Darüber hinaus wird ein Wehrbeitrag der Bundesrepublik im Rahmen einer internationalen Organisation, wie z. B. der Europäischen Verteidigungsgemeinschaft, eingefordert. Die USA treffen in Konrad Adenauer auf einen Bundeskanzler, für den Westbindung und wirtschaftlicher Aufschwung Priorität haben. Als kluger Taktiker weiß Adenauer Westintegration und Wiederbewaffnung gegen staatliche Souveränität einzuhandeln. Bereits 1955 wird das »Gegengeschäft« mit dem Beitritt der Bundesrepublik zur NATO schließlich unter Dach und Fach gebracht.
Der Antagonismus zwischen Ost und West findet seinen dramatischen Ausdruck in dem seit Juni 1950 tobenden Koreakrieg. Er setzt sich 1951 in verlustreichen Offensiven der Kommunisten und Gegenoffensiven der UN-Verbände fort. Der militärische Konflikt am 38. Breitengrad ist sowohl Ausdruck als auch Produkt des Kalten Kriegs.
Mit dem zunehmenden Engagement der Amerikaner in Indochina zeichnet sich darüber hinaus ein weiterer Krisenherd ab, wo sich »Kommunismus« und »freie Welt« gegenüberstehen.
Auf dem Weg ins Wirtschaftswunder gerät die Kriegsschuld aus dem Blick
Für die Wirtschaft der Bundesrepublik ist 1951 ein Schwellenjahr. Auf sanften Druck der Westalliierten modifiziert Bundeswirtschaftsminister Ludwig Erhard sein Konzept einer freien Marktwirtschaft: Er lässt staatliche Eingriffe in den ökonomischen Kreislauf zu. Der durch den Koreakrieg ausgelöste Boom auf den Weltmärkten kann in der Bundesrepublik Deutschland in der zweiten Hälfte des Jahres genutzt werden – der Schritt in das »Wirtschaftswunder« gelingt.
Ungeahnte Folgen hat dieser Aufschwung für die gesellschaftliche und innenpolitische Entwicklung der Bundesrepublik. Die moralische Verpflichtung, die nationalsozialistische Vergangenheit aufzuarbeiten, wird ökonomischen Prioritäten untergeordnet – im privaten wie im öffentlichen Leben. Sechs Jahre nach dem Holocaust ist die »Trauerzeit« allem Anschein nach beendet. In mehreren Bundesländern werden Gesetzentwürfe, die den Abschluss der Entnazifizierung fordern, abgesegnet. Materielle Wiedergutmachung gegenüber Israel soll nur in einem vertretbaren Rahmen geleistet werden. Hiermit wagt Adenauer, immerhin der Regierungschef eines noch nicht souveränen Staates, eine erstaunliche Einschränkung.
1951 – ein Jahr also wie jedes andere?
Für die Bundesrepublik ist es ein entscheidendes Jahr der Einbindung in das westliche Lager und damit in den Ost-West-Gegensatz. Dieser Konflikt wird die Welt noch jahrzehntelang in Atem halten und zuweilen bis an den Rand des Abgrunds führen. Darüber hinaus drohen regionale Krisenherde in Afrika, dem Nahen und Mittleren Osten sich zu Flächenbränden auszuweiten. Sie kündigen das Ende des kolonialen Zeitalters an.