Das Jahr 1956
Sowjetische Panzer beenden ungarischen Volksaufstand
»Ungarn – das ist der »Anfang vom Ende des Kommunismus!« schrieb Milovan Djilas, ein ehemaliger Kampfgefährte Josip Titos, unmittelbar nachdem sowjetische Panzer den ungarischen Volksaufstand niedergewalzt hatten. Eine Aussage, die sich aus dem Abstand von mehr als drei Jahrzehnten als prophetisch erweist. 1956 brachte sie Djilas noch vier Jahre Gefängnis ein. Es war jedoch unübersehbar geworden: Die kommunistischen Führungen der Ostblockstaaten vermochten sich nur durch staatliche Repression bzw. durch militärische Gewaltanwendung an der Macht zu halten. Nirgendwo, das machten die ungarischen Ereignisse vom Oktober/November dieses Jahres überdeutlich, konnte sich die stalinistische Führung auf das Vertrauen breiterer Bevölkerungsschichten stützen. Zu genau wusste man, welcher oft verbrecherischen Mittel sich die kommunistischen Führungen Osteuropas zur Sicherung ihrer Herrschaft bedienten.
Sozialismus am Scheideweg: Stalinkritik, Posener Aufstand, Ungarns Austritt aus dem Warschauer Pakt
1956 gärte es im Ostblock: Reformierung des kommunistischen Systems oder Fortsetzung des diktatorischen Regimes – welcher Kurs würde sich durchsetzen? Auf dem XX. Parteitag der KPdSU legte Parteichef Nikita S. Chruschtschow in einer sensationellen Rede einen Teil der von Josef W. Stalin begangenen Verbrechen offen. Trotz aller Geheimhaltungsmaßnahmen veröffentlichte die »New York Times« nach wenigen Wochen den Redetext. Alle Welt konnte feststellen, dass in den kommunistisch beherrschten Staaten Kritik an der Rolle Stalins einsetzte. Gleichzeitig sollten vorsichtige Reformen den Sozialismus in der Sowjetunion attraktiver machen.
Auch Polen leitete unter Wladyslaw Gomulka Reformen ein, nachdem die wachsende Unzufriedenheit der Bevölkerung sich im Posener Aufstand Luft gemacht hatte. Der ungarische Freiheitsdrang ging Moskau allerdings entschieden zu weit. Als Ungarn das Mehrparteiensystem wieder einführte und seinen Austritt aus dem Warschauer Pakt erklärte, befahl der Kreml die militärische Intervention.
Suezkrise endet mit Fiasko für Frankreich und Großbritannien
Im Spätherbst 1956 stand die Welt am Rande eines Atomkriegs. Während die Sowjetunion auf Budapest Panzer rollen ließ und die Hilferufe ungarischer Freiheitskämpfer an den Westen ungehört verhallten, betrieben Frankreich und Großbritannien am Suezkanal »Kanonenbootpolitik« im Stil alter Kolonialmächte. Der ägyptische Staatschef Gamal Abdel Nasser hatte es gewagt, mit der Verstaatlichung des Suezkanals westliche Besitzansprüche infrage zu stellen. Erst durch massiven Druck der USA konnte ein Waffenstillstand erreicht werden. Zwar drohte die Sowjetunion in den dramatischen Novembertagen sogar mit dem Einsatz von Atomwaffen im Nahen Osten, hielt sich letztlich jedoch zurück. Die Parallelität zweier weltpolitischer Konflikte trug dazu bei, dass ein verheerender Zusammenstoß zwischen den Machtblöcken verhindert wurde. Für den Westen endete das ägyptische Abenteuer mit einem politischen Fiasko: Die Beziehungen zu den arabischen Staaten wurden nachhaltig gestört, während der Einfluss der Sowjetunion auf die Länder des Nahen Ostens zunahm.
Breite Koalition gegen Wiederbewaffnung und KPD-Verbot
Und die Deutschen? Sie waren von den friedensgefährdenden Konflikten in besonderer Weise betroffen, verlief doch durch ihr Land die Trennungslinie zwischen den Machtblöcken. Nicht zuletzt deshalb erregte die Aufstellung der Bundeswehr weiterhin die politischen Gemüter. Vor allem SPD und Gewerkschaften protestierten gemeinsam mit kirchlichen Kreisen gegen die von der Regierungskoalition unter Bundeskanzler Konrad Adenauer betriebene Wiederbewaffnung, die nach ihrer Überzeugung die deutsche Teilung auf unbestimmte Zeit zementierte.
Weitgehende Einigkeit bestand in der Bundesrepublik jedoch in der Ablehnung des kommunistischen Gesellschaftssystems. Jeder Deutsche konnte dessen Unterdrückungsmechanismen seit Jahren in der DDR beobachten. Die weit verbreitete Furcht vor dem Kommunismus führte 1956 zum Verbot der von der Ostberliner Führung massiv unterstützten KPD.
Wohlstand im Westen, Mangel im Osten – Massenexodus aus der DDR
Doch wie tief berührten diese Konflikte die Westdeutschen tatsächlich? Es ließ sich leben in der Bundesrepublik – immer besser für einen wachsenden Teil der Bevölkerung. Im Zeichen des »Wirtschaftswunders« florierten Handel und Industrie, es herrschte Vollbeschäftigung. In einigen Bereichen, etwa im Bergbau, bestand bereits Mangel an Arbeitskräften, der durch sog. Gastarbeiter aus Italien ausgeglichen werden musste. Die Entbehrungen der Nachkriegszeit gehörten endgültig der Vergangenheit an. Die Lebensumstände in der DDR waren dagegen weiterhin von Mangel und Versorgungsengpässen gekennzeichnet. Die anhaltende wirtschaftliche Misere und die politische Unterdrückung bewog 1956 fast 280 000 Menschen, dem SED-Staat den Rücken zu kehren.
In der Bundesrepublik ermöglichten steigende Einkommen den Kauf hochwertiger Konsumgüter – sogar das eigene Auto blieb für viele kein bloßer Wunschtraum mehr. Wirtschaftsminister Ludwig Erhard – neben Konrad Adenauer populärster deutscher Politiker – drückte die Stimmung in der Bevölkerung treffend aus: »Wir sind wieder wer!« Da nimmt es nicht wunder, dass die Schatten der Vergangenheit von den meisten Deutschen kaum wahrgenommen, wenn nicht überhaupt verdrängt wurden. Bezeichnend ist die Auseinandersetzung um Staatssekretär Hans Globke, einen engen Vertrauten des Kanzlers. Während ein eher linksorientierter Teil der Öffentlichkeit es für skandalös ansah, dass ein Kommentator der Nürnberger Rassengesetze zum Leiter des Bundeskanzleramtes aufsteigen konnte, nahmen Adenauer und die CDU Globke in Schutz.
Jugendrevolte gegen das Wohlstandsstreben
Viele Jugendliche waren 1956 nicht mehr bereit, den Idealen ihrer vor allem nach Wohlstand strebenden Eltern bedingungslos zu folgen. Sie wählten sich Idole, die – wie der im Vorjahr verstorbene Schauspieler James Dean oder der Rock-Sänger Bill Haley – ein von Trotz und Auflehnung geprägtes Lebensgefühl verkörpern. Ein gewisser Teil der Jugend zeigte für die Errungenschaften der Wohlstandsgesellschaft nur wenig Interesse. Ihre Begeisterung galt vielmehr Musik, Tanz und Kino. Insbesondere die »Halbstarken« lösten durch ihr aggressives Auftreten bei der älteren Generation Reaktionen aus, die von bloßem Unverständnis bis hin zu Rufen nach hartem Durchgreifen der Polizei reichten. Allerdings war der gesellschaftliche Grundkonsens nicht ernsthaft gefährdet. Es sollte noch mehr als zehn Jahre dauern, bis eine kritische Jugend das politisch-gesellschaftliche System der Bundesrepublik grundsätzlich infrage stellte.