Das Jahr 1960
Das „afrikanische Jahr“: 17 Kolonien erlangen die Unabhängigkeit
1960 geht als »afrikanisches Jahr« in die Geschichtsbücher ein. In seinem Verlauf entlassen die europäischen Kolonialmächte 17 Staaten auf dem »schwarzen Kontinent« in die Unabhängigkeit. Bisher gab es in Afrika lediglich zehn souveräne Nationen, bis zum Zweiten Weltkrieg sogar nur vier. Weniger die Einsicht in die Autonomierechte dieser Territorien oder das Zurückweichen vor den nationalen Befreiungsbewegungen veranlassen Frankreich, Großbritannien und Belgien zum Verzicht auf den Kolonialbesitz – im Wesentlichen sind es wirtschaftliche Gründe (hohe Staatsausgaben für die Verwaltung der Kolonien und geringe Einnahmen), die den Prozess der Entkolonialisierung beschleunigen.
Krise im Kongo und in Algerien
In Kongo (Léopoldville), das von Belgien halbherzig und überhastet auf die Unabhängigkeit vorbereitet wurde, kommt es zum blutigen Bürgerkrieg. In diesem größten afrikanischen Staat überstürzen sich die Ereignisse: Militärische Auseinandersetzungen, Stammesfehden, Sezession der reichen Provinz Katanga, Auflösung der Regierung, Einmarsch einer UNO-Friedenstruppe, Machtübernahme durch General Joseph Désiré Mobutu, Internierung, Flucht und erneute Verhaftung von Ministerpräsident Patrice Lumumba. Im weiteren Verlauf der 60er Jahre bleibt der Kongo, nicht zuletzt bedingt durch Hegemonieinteressen der USA und der UdSSR, eines der Hauptkrisengebiete in der Welt.
Frankreich, gerade zur vierten Atommacht aufgestiegen, trägt schwer an seiner letzten Afrika-Kolonie Algerien. Hier tobt seit 1954 ein verlustreicher Dreifrontenkrieg zwischen der algerischen Befreiungsbewegung, weißen Siedlern und der französischen Armee. Mit dem »Barrikadenputsch« in Algier erreichen die Auseinandersetzungen im Januar einen neuen Höhepunkt. Staatspräsident Charles de Gaulle ist entschlossen, mit seiner revidierten Politik für ein »algerisches Algerien« den Konflikt, in den sich auch die französischen Linksintellektuellen einmischen, endlich beizulegen. Mit dem »Manifest der 121« unterstützt ein Kreis von Prominenten um den Philosophen Jean-Paul Sartre die militante Unabhängigkeitsbewegung und nimmt bewusst eine Strafverfolgung in Kauf.
Spannungen zwischen den Supermächten – Chruschtschows „Schuhszene“ vor der UNO
Für den Ost-West-Konflikt verheißt das neue Jahrzehnt wenig Gutes. Noch 1959 hatte das Zusammentreffen des sowjetischen Regierungschefs Nikita S. Chruschtschow mit US-Präsident Dwight D. Eisenhower in Camp David Anlass zur Hoffnung auf eine Beendigung des Kalten Krieges gegeben. Der Entspannungsprozess zwischen den Machtblöcken sollte mit der Pariser Gipfelkonferenz der vier Großmächte im Mai 1960 fortgesetzt werden. Doch die Aufdeckung der US-Luftspionage über der UdSSR durch den U-2-Zwischenfall wenige Tage zuvor und die Weigerung Eisenhowers, sich für den Vorfall bei Chruschtschow zu entschuldigen, lassen den Gipfel zu einer Farce werden. Die westlichen Politiker warten vergeblich auf den Kremlchef, der die Situation zu propagandistischen Verbalattacken gegen die USA benutzt.
Chruschtschows spektakuläre Angriffe gegen den Westen ziehen sich wie ein roter Faden durch das ganze Jahr. Am nachhaltigsten prägt sich seine »Schuhszene« vor der UNO-Vollversammlung in das Bewusstsein der Weltöffentlichkeit ein. Rückblickend erweist sich diese Drohgebärde jedoch weniger als aggressiver Akt – sie unterstreicht vielmehr das Talent Chruschtschows, die weltpolitische Bühne für sowjetische Interessen effektvoll zu nutzen. Der Auftritt mit dem Schuh ist jedoch auch Ausdruck seiner vergeblichen Bemühungen, die nunmehr stattliche Anzahl der jungen afrikanischen Staaten in der Organisation der Vereinten Nationen auf die Seite des Ostblocks zu ziehen. Dieses gelingt der UdSSR allerdings mit Kuba, das sich nach der Castro-Revolution (1959) von den Vereinigten Staaten lossagt und sich wirtschaftlich und militärisch eng an die Warschauer-Pakt-Staaten bindet. Die Kubakrise von 1962 deutet sich damit bereits an.
Brasilien baut Hauptstadt im Urwald – Kennedy wird US-Präsident
Wie in Afrika wächst auch in Lateinamerika das Selbstbewusstsein der als »unterentwickelt« geltenden Staaten. Das herausragende Beispiel für diese Aufbruchstimmung ist der architektonisch ebenso gewagte wie aufwendige Neubau der brasilianischen Metropole Brasilia mitten im Urwald des Landes. Einer Sensation kommt der hauchdünne Wahlsieg des Demokraten John F. Kennedy in den Vereinigten Staaten gleich. Der smart-dynamische Politiker wird als jüngster gewählter Präsident und erster Katholik in das Weiße Haus einziehen. In der Bundesrepublik schickt die zur Volkspartei gewandelte SPD mit Willy Brandt eine Persönlichkeit in den Wahlkampf, die in ähnlicher Weise Jugendlichkeit und Aufbruchstimmung verkörpert. Der Regierende Bürgermeister von Berlin (West) tritt gegen den greisen Konrad Adenauer an, der im Streit um das »Adenauer-Fernsehen« erkennen muss, dass auch die Kompetenzen des Kanzlers begrenzt sind.
Weiter Probleme mit der Vergangenheit im Wirtschaftswunderland
Die Bundesrepublik steht 1960 in der Blüte ihrer Hochkonjunktur. Vollbeschäftigung, steigender Wohlstand und ausgeprägtes Leistungsdenken haben die Schatten der jüngsten deutschen Vergangenheit zurückgedrängt. Im gesellschaftlichen und politischen Alltag zeigen sich allerdings noch immer Verbindungen zur Zeit der nationalsozialistischen Gewaltherrschaft. Dieses beweist die Welle des Rechtsextremismus zu Anfang des Jahres ebenso wie der Umstand, dass die Justiz jetzt erst damit begonnen hat, systematisch gegen die zumeist hinter gutbürgerlicher Fassade lebenden NS-Straftäter vorzugehen. Bis hinein in die Bonner Führung werden Politiker, so Kanzlerberater Hans Globke, mit ihrer NS-Vergangenheit konfrontiert. Vertriebenenminister Theodor Oberländer muss wegen des Verdachts, an Kriegsverbrechen teilgenommen zu haben, sogar seinen Hut nehmen. Für die Regierung Israels bedeutet die in Argentinien unter spektakulären Umständen erfolgte Aufspürung von Adolf Eichmann, der für den Mord an Millionen Juden verantwortlich ist, einen besonderen Triumph.
Gesamtdeutsche Olympiamannschaft trotz deutsch-deutscher Schwierigkeiten
Die DDR belastet die ohnehin schwierigen deutsch-deutschen Beziehungen zusätzlich mit einschneidenden Behinderungen des Berlin-Verkehrs. Mit diesen Reisebeschränkungen werden bereits deutliche Signale für den Mauerbau von 1961 gesetzt, der die Bevölkerung Berlins und beider deutscher Staaten 28 Jahre lang durch eine menschenunwürdige Grenze teilen wird. Nach der mit brutalen Mitteln durchgesetzten Kollektivierung der Landwirtschaft steigt die Zahl der Flüchtlinge aus der DDR noch einmal drastisch an. Im Sport jedoch setzt sich der deutsch-deutsche Gedanke durch. Bei den glanzvollen Olympischen Spielen in Squaw Valley und Rom kann die nach mühsamen Verhandlungen zustande gekommene gesamtdeutsche Mannschaft überraschende Erfolge verbuchen. Armin Hary hatte schon vor den römischen Sommerspielen mit seinem Fabelweltrekord (10,0 sec) über 100 m einen Meilenstein in der Leichtathletik gesetzt.
Die 1961 eintretenden dramatischen Entwicklungen in der Berlin- und Deutschlandfrage scheint Bundeskanzler Konrad Adenauer bereits vorauszuahnen. Wegen seiner Befürchtung, die USA könnten auf dem Pariser Mai-Gipfel in diesem Punkt Zugeständnisse an die Sowjetunion machen, gewinnt er dem Scheitern der Konferenz als Einziger eine positive Seite ab. Seinem Pressesprecher gegenüber erklärt der Rheinländer: »Wir haben nochmals fies Jlück jehabt!«