Das Jahr 1964 Bundesdeutsche leben selbstzufrieden in der WohlstandsblaseDas Gros der Bundesbürger treibt 1964 weiterhin gemütlich auf einer Woge materiellen Wohlstands. Wer wollte denn auch ernsthaft klagen? Schließlich genießt ein jeder – und das knapp 20 Jahre nach Kriegsende – einen vorher nie gekannten Lebensstandard. Das »Wirtschaftswunder« brachte ein kontinuierlich steigendes Bruttosozialprodukt, jährliche Reallohnzuwächse, Vollbeschäftigung, und es sicherte den sozialen Frieden: Die Arbeiter arbeiten statt zu streiken, und die Studenten studieren statt zu demonstrieren.
Diese »heile Welt« vor Augen, lehnt sich der Wohlstandsdeutsche selbstzufrieden zurück, blickt stolz auf die vollbrachte Leistung und mit Optimismus in die Zukunft. »Wir sind wieder wer« – mit dieser Formel brachte Bundeskanzler Ludwig Erhard, als Vater des wirtschaftlichen Aufschwungs gepriesen, das gewachsene Selbstbewusstsein auf den Punkt.
Politische und gesellschaftliche Konflikte, ob im Lande oder jenseits der Grenzen, werden systematisch verdrängt oder verleugnet. Näher als eine kritische Befragung der Wirklichkeit steht dem Bundesbürger die Befriedigung der individuellen Bedürfnisse. Fresswelle, Sexwelle, Reisewelle lauten die Schlagworte der Zeit. Das Fernsehen, des Deutschen liebstes Freizeitvergnügen, tut ein Übriges, Unterhaltung, Spaß und Spannung lassen allabendlich jeden kritischen Gedanken vergessen. Doch die elektronischen Medien sind auch live beim Töten dabei. Zwischen den bunten Bildern des Entertainments – und als seien sie Teil des großen Fernsehspektakels – flimmern Kriegsbilder über die Mattscheiben direkt in die Wohnstuben: Szenen aus dem Kongo, dem Jemen, aus Indien, Malaysia, Vietnam oder Zypern.
Der kollektive Verdrängungsmechanismus funktioniert jedoch zu gut. Weder die weit entfernten Schrecklichkeiten können dem Bundesbürger den Spaß am Wohlstandsleben ernstlich verderben noch können es die Kritiker im eigenen Lande. Diese Vorboten der Studentenbewegung äußern, recht verhalten noch, Unbehagen angesichts der Entwicklungen im Wirtschaftswunder-Deutschland. Sie beklagen den »restaurativen Charakter« der Gesellschaft und äußern die Befürchtung, dass mit einem möglichen Ende des wirtschaftlichen Wachstums die junge Demokratie der BRD in eine Krise geraten könnte, weil ihr die gesellschaftliche Basis überzeugter Demokraten fehlte. Und sie werfen dem »Establishment« seine Verstrickung in den Nationalsozialismus vor, fordern eine kritische Aufarbeitung der jüngeren Vergangenheit. Kritische Autoren wollen Vergangenheitsbewältigung, Popmusik wird JugendbewegungDie Auseinandersetzung mit dem Hitler-Faschismus findet derzeit vor allem auf der Bühne und in der Literatur statt. Autoren wie Heinrich Böll, Günter Grass, Alfred Andersch, nicht zu vergessen Rolf Hochhuth mit seinem 1963 uraufgeführten Theaterstück »Der Stellvertreter«, wollen den schmerzhaften Prozess des Erinnerns erzwingen. Sie verlangen vom Nachkriegsdeutschland, das über die Verjährung von NS-Verbrechen sinniert und den Auschwitz-Prozess mehr oder minder unbeteiligt verfolgt, die Anerkenntnis politischer und moralischer Schuld.
Scheinbar ohne Zusammenhang mit den bohrenden Anklagen der Intellektuellen gegen die Etablierten begehrt auch die Jugend, auf ihre Weise, gegen die ältere Generation auf. Verwundert, ohne den Zündstoff zu erkennen, blicken die Eltern auf ihre Kinder, die sich die Haare wachsen lassen, die herkömmliche Kleiderordnung missachten, unbekümmert mit sexuellen Fragen umgehen und dieser »schrill-primitiven« neuartigen Popmusik verfallen sind. Die »Beatles«, die »Rolling Stones« und andere Bands in ihrem Gefolge lösen eine Massenbewegung aus. Mit ihrer Musik der »Good Vibrations«, unkonventionellen Texten und aufmüpfigem Auftreten wirken sie wie ein Magnet auf die Jugend, die sich von gesellschaftlichen Zwängen befreien will und neue Lebensideale sucht. Kaum jemand ahnt allerdings schon 1964, dass Kritik an politischen Entscheidungen und Aufbegehren gegen die Erwachsenenwelt sich wenige Jahre später mit ungebremster Kraft in der Protestbewegung der Achtundsechziger entzünden werden. Streit um Bindung der Bundesrepublik an die USA oder Frankreich – DDR schließt Freundschaftsvertrag mit der Sowjetunion»Nicht nur die Bundesrepublik, sondern die ganze Welt ist im Begriff, aus der Nachkriegszeit herauszutreten«, hatte Ludwig Erhard bereits in seiner Regierungserklärung vom 18. Oktober 1963 festgestellt. In der Tat vollziehen sich weltpolitische Veränderungen, die auch für die deutsche Situation weitreichende Folgen haben. Die Großmächte USA und UdSSR bemühen sich um eine Beendigung des »Kalten Krieges« und propagieren ein friedliches Nebeneinander von sozialistischen und kapitalistischen Staaten. In der BRD begrüßt man zwar die Abkehr von der Konfrontationspolitik, ist aber nicht bereit, die deutsche Frage den Entspannungsbemühungen unterzuordnen. Weiterhin besteht man auf dem »Alleinvertretungsanspruch«, weigert sich, die DDR anzuerkennen, und hält an der Hallstein-Doktrin und einer »Politik der Stärke« in Europa fest. Der Freundschaftsvertrag, den die UdSSR am 12. Juni mit der DDR schließt, wird als ein »Geschäft Moskaus mit sich selbst« (Rainer Barzel) heruntergespielt.
Doch die Zeit der großen Krisen ist vorbei. Hinsichtlich des Reiseverkehrs werden die Fronten sogar aufgeweicht. Im Interesse der Menschen unterzeichnen am 17. Dezember 1963 Vertreter der DDR und des Senats von Berlin (West) das erste Passierscheinabkommen, am 24. September 1964 das zweite.
Die BRD ist fest in das westliche Bündnissystem integriert. Allerdings gibt es in Bonn heftigen Streit darüber, ob man in der außenpolitischen Orientierung eher auf die USA setzen und damit ihre Führungsposition anerkennen sollte, oder ob es besser sei, sich enger an Frankreich anzulehnen, mit dem Ziel, den beiden Supermächten eine dritte Kraft in Europa entgegenzustellen. Die Konfrontation zwischen »Gaullisten« und »Atlantikern« erreicht Mitte des Jahres ihren Höhepunkt. USA und China kämpfen in Vietnam – Chruschtschow weicht BreschnewDie USA haben Europa zu einer Ruhezone der Weltpolitik erklärt, der Ost-West-Konflikt und damit auch die deutsche Frage steht nicht mehr im Mittelpunkt. Mit zunehmendem Engagement in Vietnam – im August kommt es zum Zwischenfall im Golf von Tonkin – wird weniger die Sowjetunion als vielmehr die VR China als Hauptfeind angesehen. Die USA agieren 1964 auf internationaler Ebene außer in Vietnam lediglich – auf diplomatischem Wege – in Zypern und zur Befreiung weißer Geiseln mit einer militärischen Aktion im Kongo (Léopoldville). Ansonsten konzentriert sich die westliche Großmacht auf die Innenpolitik: Präsidentschaftswahlen, Verabschiedung der Bürgerrechtsgesetze, Eindämmung der Rassenunruhen und Bekämpfung der Armut im Lande. Auch für die Sowjetunion stehen interne Fragen im Vordergrund: Im Oktober kommt es, für die westliche Welt überraschend, zu einem Machtwechsel. Partei- und Regierungschef Nikita S. Chruschtschow muss gehen und wird durch Leonid I. Breschnew und Alexei N. Kossygin ersetzt. Außenpolitisch verschärfen sich die ideologischen Auseinandersetzungen mit China.
Die USA und die UdSSR haben ihren Machtkampf verlagert, weit weg, auf Nebenschauplätze in Afrika oder Asien und, noch weiter weg, ins Weltall: Im Wettlauf zum Mond messen die beiden Supermächte ihre Kräfte. »Ich für meinen Teil möchte nicht beim Licht eines kommunistischen Mondes zu Bett gehen«, hatte Lyndon B. Johnson Ende der 50er Jahre gesagt. Doch trotz beeindruckender Fortschritte in der Raumfahrt ist 1964 immer noch nicht entschieden, ob Luna einmal kommunistisch oder kapitalistisch ihre Runden um die Erde drehen wird.
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