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Das Jahr 1968

Jahr einschneidender gesellschaftlicher Veränderungen

1968 ist ein Jahr des Umbruchs. Mehr als andere Jahre hat es seine Spuren in der jüngsten Geschichte des 20. Jahrhunderts hinterlassen und wurde schließlich zum Synonym für eine ganze Generation, die das politische, wirtschaftliche und kulturelle Selbstverständnis der Nachkriegszeit infrage stellte. Nicht zuletzt deshalb markiert dieses Jahr einen tiefen Einschnitt im Verhältnis der Generationen – nicht nur in der Bundesrepublik.

Osterunruhen nach Attentat auf Dutschke – Pariser Mai bringt Chaos in Frankreich


68er Demo mit Polizeieinsatz nach dem Attentat auf Rudi Dutschke

Die Gesellschaft des Wirtschaftswunders, die im wiedererlangten Wohlstand selbstzufrieden ihre Konflikte verleugnete, traf die Rebellion der jungen Generation unvorbereitet. Hatte die Generation des Wiederaufbaus in den frühen 60er Jahren noch naiv unterstellt, ein unverbrüchliches Vorbild zu sein, so musste sie nun erleben, dass vor allem die akademische Jugend ihr die Gefolgschaft verweigerte. In den Osterunruhen nach dem Attentat auf Studentenführer Rudi Dutschke und den Ereignissen des Pariser Mai brach sich eine Gesellschaftskritik Bahn, die ihre Ideale theoretisch im Marxismus und praktisch in den Befreiungsbewegungen der Dritten Welt suchte.

Das »Establishment« verlor vor allem aus zwei Gründen an Glaubwürdigkeit: Zum einen war seine Verstrickung in den Nationalsozialismus nicht zu bestreiten. Für die Nachkriegsgeneration war offensichtlich, dass sich hinter der Fassade von Leistungsmoral und Verantwortungsbewusstsein häufig Opportunismus und Karrierestreben verborgen und Verbindungen zum Nationalsozialismus aufrechterhalten hatten. Die Verdrängung dieses Zusammenhangs war einer kritischen Jugend unerträglich.

Vietnamkrieg und Mord an Martin Luther King entzaubern die USA


Titelblatt "Newsweek" Der aufgebahrte Martin Luther King

Zum anderen war die Amerikabegeisterung der 50er Jahre durch den Vietnamkrieg einer ablehnenden Ernüchterung gewichen. Die westliche Führungsmacht hatte sich in einen schmutzigen Krieg verwickelt, dessen Fernsehbilder das Pathos der Verteidigung westlicher Freiheit täglich Lügen straften. Das Massaker von My Lai und die Tet-Offensive des Vietcong machten nicht nur den moralischen und militärischen Bankrott der USA offenkundig, sondern korrumpierten zugleich den liberalen Anspruch westlicher Demokratie schlechthin. Die Morde an dem schwarzen Bürgerrechtler Martin Luther King und dem Präsidentschaftskandidaten der Demokratischen Partei, Robert F. Kennedy, taten ein Übriges. Auch technische Glanzleistungen wie die Mondumkreisung von »Apollo 8« konnten das Bild von Gewalt und Rassismus in den USA nicht kaschieren.

Sowjetunion und Verbündete walzen Prager Frühling nieder – Jugend sucht Gegenkultur


1968 / Prag, Tschechische Republik Die tschechoslowakische Bevölkerung ist zornig über den Einmarsch der Sowjetischen Truppen und widersetzt sich der Invasion.

Darüber hinaus lieferte die östliche Führungsmacht mit ihrer militärischen Intervention in der CSSR ebenfalls ein Musterbeispiel rücksichtsloser Machtpolitik. Wer bisher geglaubt hatte, durch den »Prager Frühling« sei eine Demokratisierung des östlichen Staatssozialismus möglich geworden, musste sich eines Besseren belehren lassen. Die bittere Erkenntnis, dass auch die Sowjetunion keine Abweichungen von ihrem System duldete, verstärkte den Drang des Jugendprotestes, grundsätzlich neue, gewaltlose Modelle des gesellschaftlichen Zusammenlebens zu erproben.

Ob es sich dabei um die Aufhebung der Kleinfamilie in »Kommunen«, um die »Love-ins« langhaariger US-Hippies, den »Underground-Rock« oder die »Bewusstseinserweiterung« durch Drogen handelte, überall machten sich Ansätze zu einer Gegenkultur bemerkbar, die sich den Wertvorstellungen der modernen Leistungsgesellschaft verweigerte. Diese Subkultur mit ihren Nachfolgern sollte in den 70er Jahren entscheidend zum vieldiskutierten Wertewandel der Gesellschaft beitragen.

Andere Werte statt der herrschenden Doppelmoral


1960er / Afrika, Biafra Kinder in einem Flüchtlingslager.

In den alltäglichen Lebensbereichen der jüngeren Generation wurde deutlich, dass die politische Kritik an Gesellschaft und Mentalität des Wirtschaftswunders gegen Gewinnsucht, Verlogenheit, Autorität und Egoismus aufbegehrte. Der herrschenden Doppelmoral wurde das entgegengehalten, was im Konkurrenzkampf der Leistungsgesellschaft auf der Strecke geblieben war: Echtheit, Spontaneität, Solidarität, Liebe, Mitmenschlichkeit, Gerechtigkeit und Gleichheit. So betrachtet erweist sich der Protest der Studentenbewegung nicht als willkürliche Randale von Bürgerschrecken wie Fritz Teufel oder Rainer Langhans, sondern als provokante Aufforderung an die Mitmenschen, Elend und Unterdrückung – Beispiel 1968: der Biafrakrieg – nicht als Probleme der unterentwickelten Länder abzutun.

Baader-Meinhof-Gruppe begründet deutschen Terrorismus

Aus der Abwehrreaktion der Gesellschaft gegen die studentischen Forderungen nach Emanzipation und realer Demokratie leitete eine verschwindend kleine Gruppe innerhalb der Protestbewegung die Theorie ab, mehr Demokratie sei nur mit Gewalt, mit dem »bewaffneten Kampf in den Metropolen«, zu verwirklichen. Der Brandanschlag auf zwei Frankfurter Kaufhäuser am 3. April markiert den Beginn der Baader-Meinhof-Gruppe und damit des Terrorismus in der Bundesrepublik Deutschland.

Die in der Folge einsetzenden Diskussionen um die innere Sicherheit sollten die politische Atmosphäre der 70er Jahre nachhaltig prägen und sind bis heute nicht verstummt. Indem sie Emanzipation und Gewalt in begriffliche Verbindung brachten, haben die Terroristen den Idealen des Aufbruchs von 1968 allerdings einen schlechten Dienst erwiesen.

Fotos des Jahres

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Heinrich Albertz Oberbürgermeister von Berlin
Ausflug
Ausflug
Die Treppe runter
Hochzeitsbild
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Im Garten
Männer im Garten