Das Jahr 1969 zeigt nachdrücklich, wie eng Licht und Schatten in der historischen Entwicklung beieinanderliegen. Auf der einen Seite steht der berühmte, per Funk zur Erde übermittelte Satz des ersten Menschen auf dem Mond, Neil Armstrong: »Das ist ein kleiner Schritt für einen Menschen, aber ein großer Sprung vorwärts für die Menschheit.« Die andere Seite ist gekennzeichnet von der Grausamkeit der Kriege auf dem Planeten Erde, so vor allem in Vietnam und Biafra. Die Menschheit sieht mit der von den Massenmedien als weltweites Spektakel inszenierten Mondlandung einen ihrer kühnsten technischen Träume verwirklicht, während gleichzeitig Hunderttausende von Menschen im Jahr 1969 im Krieg getötet werden. Auf ganz unterschiedliche Weise stehen dabei die USA im Brennpunkt der Weltöffentlichkeit.
In Frankreich vollzieht sich nur scheinbar ein nahtloser Übergang von Charles de Gaulle zu dem Gaullisten Georges Pompidou. Es gibt zwar rasch eine personelle Antwort auf die immer wieder gestellte Frage: Was kommt nach de Gaulle? Aber die Ungewissheit über die politische Entwicklung Frankreichs im Jahr nach den 68er Maiunruhen bleibt weiterhin bestehen. Der Rücktritt Charles de Gaulles, des Architekten der Fünften Republik, verändert ganz wesentlich die Rahmenbedingungen für die von vielen angestrebte Erweiterung der EWG.
Aufbruchstimmung herrscht in der Bundesrepublik Deutschland nach der Wahl von Willy Brandt zum ersten sozialdemokratischen Bundeskanzler. Die CDU muss nach 20 Jahren die Regierungsmacht abgeben. Die Wahl Brandts wirft ein Schlaglicht auf die Reformbedürftigkeit der Politik, die in der Bundesrepublik über Jahrzehnte hinweg von der CDU/CSU bestimmt worden ist. Es waren und sind vor allem Vertreter der Studentenbewegung und der Außerparlamentarischen Opposition (APO), die Alternativen zu bestehenden Strukturen aufzeigen, Kritik an autoritär-hierarchischen Verhältnissen üben und Mitbestimmung fordern. Die Entwicklung des Kulturbetriebs, aber auch Veränderungen in den Kirchen belegen die wachsende Politisierung. Parallel dazu beanspruchen Arbeiter und Gewerkschaften ihren Anteil am wachsenden Reichtum und eine verstärkte Beteiligung an innerbetrieblichen Entscheidungen.
Ihrerseits gelangen APO und die von Studenten getragene Protestbewegung an einen Scheideweg: Sollen sie weiterhin eine radikale Alternative zur bestehenden Gesellschaft verfolgen oder den Rückzug antreten und sich mit reformerischen Kompromissen zufriedengeben? Der Sozialwissenschaftler Jürgen Habermas schreibt 1969 in einem Essay Sätze, die über das Jahr hinaus gültig bleiben: »Die Protestbewegung darf nicht in die vorhersehbare Niederlage ihrer aktionistischen Irrläufer hineingezogen werden. Andererseits sollten die Konservativen die Folgen einer kurzfristig gewiss durchsetzbaren repressiven Befriedung der Universitäten nicht verkennen.« Der nicht mehr auf die Universitäten beschränkte Kampf um mehr Demokratie und gegen autoritäre Repressionen bleibt in den 70er Jahren ebenso ein wichtiges Thema wie die Auseinandersetzung um Mittel und Wege in diesem Kampf. Der Sieg der SPD bei den Bundestagswahlen im September hat seine Wurzeln nicht zuletzt in der Integration eines großen Teils dieses ProtestpotenzialsSo nimmt es nicht wunder, dass Willy Brandt in seiner Regierungserklärung auch ein Anliegen radikaler Kritiker der bundesrepublikanischen Verhältnisse aufgreift: »Wir wollen mehr Demokratie wagen... Wir wollen eine Gesellschaft, die mehr Freiheit bietet und mehr Verantwortung fordert.«
Auch außenpolitisch setzt die sozialliberale Koalition mit ihrer Entspannungspolitik bereits kurz nach dem Regierungswechsel neue Akzente, die zur Auflockerung der starren Fronten im Ost-West-Gegensatz beitragen. So beginnen Gespräche mit der Sowjetunion über ein Gewaltverzichtsabkommen, das im folgenden Jahr unterzeichnet wird. Der Weg zu den sog. Ostverträgen läutet ein neues Kapitel in den internationalen Beziehungen der Nachkriegszeit ein – auch wenn deren Auswirkungen erst Jahre später sichtbar werden.