Das Jahr 1972
Olympische Spiele in München von Attentat überschattet
»The games must go on« (Die Spiele müssen weitergehen) – diese Worte des US-amerikanischen IOC-Präsidenten Avery Brundage nach dem Anschlag der Palästinenser-Organisation »Schwarzer September« auf das Quartier der israelischen Mannschaft im Olympischen Dorf in München und dem Blutbad von Fürstenfeldbruck liefern nicht nur die Begründung für die Fortführung der Spiele, sondern könnten im übertragenen Sinne auch als Motto über der politischen Entwicklung des Jahres stehen: Die Großmächte zeigen sich entschlossen, am einmal begonnenen Entspannungsprozess trotz fortbestehender regionaler Konflikte wie in Vietnam festzuhalten. Die neun Jahre zuvor von dem SPD-Politiker Egon Bahr geprägte Formel vom »Wandel durch Annäherung« scheint sich zu bestätigen.
Nixon führt Gespräche in Peking und Moskau – China meldet Weltmachtansprüche an
1972 ist das Jahr der großen Begegnungen: Am 21. Februar besucht Richard M. Nixon als erster US-Präsident die Volksrepublik China und trifft dort mit den KP-Führern Mao Tse-tung und Chou En-lai zusammen. Diese Visite beendet nicht nur die fast 23 Jahre lange Konfrontation zwischen Peking und Washington, die sich als »Papiertiger« und umgekehrt als »Gelbe Gefahr« beschimpft hatten, sondern eröffnet eine neue Phase der Entspannungspolitik. China tritt als dritte Weltmacht selbstbewusst neben die »Supermächte« USA und UdSSR, die ihrerseits eine Verständigung untereinander auf der Basis der »friedlichen Koexistenz« suchen. Nixons einwöchiger Besuch in Moskau Ende Mai bietet die Gelegenheit, mit dem SALT-Vertrag ein erstes Abkommen zur Rüstungsbegrenzung zu unterzeichnen. Die triumphale Wiederwahl zum US-Präsidenten im November ist – unbeschadet der sich bereits in Umrissen abzeichnenden Watergate-Affäre – auch ein Resultat seiner Entspannungspolitik.
Die Politik der Verständigung zeigt sich auch in den US-amerikanisch-nordvietnamesischen Friedensgesprächen zwischen Henry A. Kissinger und Lê Duc Tho in Paris, die sich am 8. Oktober auf ein Waffenstillstandsabkommen einigen. Bevor das Abkommen Anfang 1973 endgültig unterzeichnet wird, fliegen die US-Amerikaner im Dezember 1972 allerdings ihre bisher schwersten Angriffe auf Hanoi und Haiphong (»Christmas Bombing«).
Verhältnis zwischen den deutschen Staaten entkrampft sich langsam
So aufsehenerregend die Ost-Reisen Nixons auch sind – sie markieren nur einen Teil des internationalen Entspannungsprozesses. Für die Deutschen noch wichtiger ist der sich anbahnende Wandel von der Konfrontation zu einem geregelten Nebeneinander zwischen beiden deutschen Staaten. Die Ostpolitik der sozialliberalen Koalition Brandt/Scheel erweist sich 1972 als fruchtbringend: Mit der DDR kommt im Dezember ein »Grundlagenvertrag« zustande, in dessen Zusammenhang auch die Aufnahme beider deutscher Staaten in die UNO von den Siegermächten des Zweiten Weltkriegs gebilligt wird. Ein Ausdruck des entkrampften Verhältnisses zur DDR ist die Erleichterung des Zugangs von und nach Berlin (West) und eine gewisse Durchlässigkeit der Mauer. An 30 Tagen im Jahr können die Bewohner des Westteils in den Ostteil der Stadt fahren. Der 1972 zwischen Egon Bahr und dem DDR-Unterhändler Michael Kohl ausgehandelte Verkehrsvertrag macht unter bestimmten Umständen auch Westreisen von DDR-Bürgern möglich.
Überlegener Wahlsieg Willy Brandts nach überstandenem Misstrauensvotum
Gerade diese Ostpolitik, vor allem die Ratifizierung der 1970 geschlossenen Verträge mit der UdSSR und der Volksrepublik Polen, wird zum bestimmenden Thema der deutschen Innenpolitik. Gestützt auf Überläufer aus den sozialliberalen Reihen versucht am 27. April der CDU/CSU-Fraktionsvorsitzende Rainer Barzel, durch ein konstruktives Misstrauensvotum Bundeskanzler Willy Brandt abzuwählen. Doch der Coup misslingt: Barzel verfehlt die Mehrheit und sieht sich – wegen seiner positiven Haltung zu den Ostverträgen – in eigenen Reihen heftiger Kritik ausgesetzt. Die Zustimmung des Bundestages zu den Verträgen am 17. Mai ist zugleich der Auftakt zum bisher härtesten Wahlkampf in der Geschichte der Bundesrepublik. Nach einer starken Polarisierung führt Willy Brandt die SPD zum größten Wahlsieg in ihrer 110-jährigen Geschichte – wozu auch das starke Engagement vieler Bürger für ihre Partei beigetragen hatte.
Terrorismus nicht nur in Deutschland Hauptgesprächsthema
Überraschenderweise spielt das Thema »Innere Sicherheit« im Bundestagswahlkampf keine Rolle, obwohl im Frühsommer die Bombenanschläge der Roten Armee Fraktion zahlreiche Tote und Verletzte gefordert hatten. Der Kampf der »sechs gegen 60 Millionen« (Heinrich Böll), der Versuch, mit Bombenanschlägen und Attentaten die Gesellschaft zu verändern, endet im Juni mit der Festnahme von Andreas Baader, Ulrike Meinhof, Holger Meins, Gudrun Ensslin und Jan-Carl Raspe. Die Verhaftung dieser Terroristen der »ersten Generation« als Ergebnis einer Fahndungsaktion mit rd. 150 000 Polizisten ist jedoch nicht das Ende des Einsatzes von Gewalt für politische Ziele. Der Anschlag eines japanischen Killerkommandos im Auftrag der Palästinenser auf dem Flughafen Lod bei Tel Aviv, bei dem 28 Menschen ums Leben kommen, markiert ebenso wie der Überfall auf das israelische Olympiaquartier in München die gefährliche Symbiose von politischem Fanatismus und Waffengebrauch.
Höhenflug von Ulrike Meyfarth – Literaturnobelpreis für Heinrich Böll
36 Jahre nach der NS-Propagandashow von 1936 gibt es wieder Olympische Spiele auf deutschem Boden. Zu den großen Stars von München zählen drei junge Sportlerinnen: die sowjetische Turnerin Olga Korbut und die australische Schwimmerin Shane Gould, die je drei Goldmedaillen einheimsen; für eine besondere Sensation sorgt jedoch, nicht nur aus deutscher Sicht, die erst 16-jährige Ulrike Meyfarth mit ihrem Fosbury-Flop über 192 cm – Goldmedaille im Hochsprung.
In andere Höhen steigen am 7. Dezember drei US-Astronauten empor, die mit Apollo 17 zur letzten Expedition des Mondflugprogramms der USA starten. Während die Weltraumforschung der US-Amerikaner auf die Entwicklung eines Raketenflugzeugs (Spaceshuttle) setzt, wachsen in der Öffentlichkeit die Zweifel am umgehemmten technisch-industriell-ökonomischen Vorwärtsstreben, das durch die zunehmende Umweltverschmutzung und absehbare Energieknappheit infrage gestellt scheint. 1862 Tote im verlustreichsten Jahr der zivilen Luftfahrt machen überdies deutlich, dass der Glaube an die Lösbarkeit aller technischen Probleme überholt ist.
Eine »Befragung der Realität« mit künstlerischen Mitteln ist das Motto der documenta 5, der international wichtigsten Ausstellung zeitgenössischer Kunst, die über 200 000 Besucher nach Kassel lockt. Noch größere Aufmerksamkeit gilt einem Schriftsteller, bei dem die Auseinandersetzung mit der Realität gleichfalls im Zentrum des Schaffens steht: Heinrich Böll wird als erster deutscher Nachkriegsautor mit dem Nobelpreis geehrt.