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Das Jahr 1973

„Grenzen des Wachstums“: Ölkrise gefährdet die westliche Wirtschaft

»Die Grenzen des Wachstums«, dieser Titel einer vom Club of Rome herausgegebenen und mit dem Friedenspreis des Deutschen Buchhandels ausgezeichneten Studie über die globalen Zukunftschancen der Menschheit ist für das Jahr 1973 programmatisch. Die westlichen Industrienationen führt es von der Hochkonjunktur in eine wirtschaftliche und soziale Talsohle, an den Anfang einer umfassenden Krise, welche die vermeintlich sicheren Errungenschaften von Fortschritt und Technik infrage stellt. Der Wohlstand in Westeuropa sowie in den USA scheint gefährdet.

Die islamischen Staaten drohen allen Ländern, die Israel unterstützen, mit einem Erdöl-Lieferboykott und schränken ihre Lieferungen auch tatsächlich ein. Diese Situation ruft in den industrialisierten Staaten der westlichen Welt Krisenerscheinungen hervor. Die Heizölpreise verdoppeln sich, Arbeitsplätze sind gefährdet (Übergang zu vermehrter Kurzarbeit), in vielen Wirtschaftszweigen verstärkt sich die Rezession, und weltweit flaut die Konjunktur deutlich ab. Darüber hinaus steht die Energiekrise ein Symbol des Fortschritts infrage – das Auto. In den meisten westlichen Ländern wird an mehreren Sonntagen ein Fahrverbot verhängt, auch wenn die Benzinpreise es ohnehin nahelegen, das Auto öfter in der Garage zu lassen und stattdessen öffentliche Verkehrsmittel zu benutzen. In der Presse wird diese Immobilität zur globalen Zivilisationskrise: Alternative Transportmittel und Energieträger werden diskutiert, insgesamt gerät die Notwendigkeit eines sparsamen Umgangs mit Energie und Rohstoffen ins Bewusstsein der Öffentlichkeit. Viele erinnern sich an Lebensgewohnheiten aus der Vorkriegszeit.

Der mit einem Waffenstillstand ohne einen eindeutigen Sieger beendete Nahostkrieg lässt erstmals seit der Gründung Israels im Jahr 1948 spüren, dass die Kampfkraft des kleinen jüdischen Staates von seinen arabischen Kontrahenten zu brechen ist. Der Einsatz des »Öls als Waffe«, die Führung eines Wirtschaftskriegs gegen den Rest der Welt dokumentiert ein erstes einheitliches Auftreten der arabischen Staaten, die sich ihres gewachsenen internationalen Stellenwerts immer bewusster werden.

Erste EG-Erweiterung und Wandel des Weltwährungssystems

Die Volkswirtschaften Europas und der USA haben indessen eine weitere Bewährungsprobe zu bestehen. Anfang Februar sind die europäischen Devisenbörsen von einer Dollarflut irritiert – eine Folge des US-amerikanischen Außenhandelsdefizits, das mit dem militärischen Engagement in Vietnam unmittelbar in Verbindung steht. Um ihre Landeswährungen zu stabilisieren, lösen sich die EG-Länder – seit Januar gehören auch Großbritannien, Dänemark und Irland dazu – vom US-Dollar als Leitwährung und floaten gemeinsam als Block gegenüber der US-Währung. Damit wird das 1944 entwickelte Weltwährungssystem abgelöst, das auf der Goldparität aufbaute und den US-Dollar als Leitwährung festlegte. Daneben beeinträchtigen inflationäre Strömungen die wirtschaftliche Stabilität vieler Staaten Europas.

USA ziehen sich aus Indochina zurück – Pinochet putscht sich in Chile an die Macht


23.01.1973 / Paris Präsidentenberater Henry Kissinger (rechts) und Hanois Le Duc Tho lächeln, nachdem sie die mehrstündige Konferenz zum Frieden in Vietnam verlassen.

Die Vereinigten Staaten erregen 1973 vor allem durch zwei politische Ereignisse das Interesse der Weltöffentlichkeit: Am 27. Januar tragen die u. a. vom Sonderbeauftragten Henry Kissinger vorangetriebenen Bemühungen um einen Waffenstillstand in Vietnam Früchte. Die USA ziehen sich aus Indochina zurück und beenden damit ihr langjähriges Engagement in einem Krieg, der an Grausamkeiten alles bis dahin Bekannte überboten hat. Jedoch schweigen die Waffen noch nicht endgültig in Vietnam, Laos und Kambodscha: In allen drei Ländern tobt ein grausamer Bürgerkrieg, der in der Weltöffentlichkeit allerdings immer weniger Aufmerksamkeit findet. Auch wenn sich das Ansehen der Regierung von Richard M. Nixon, der im Januar seine zweite Amtsperiode antritt, durch den Waffenstillstand erhöht, so gerät der Präsident durch den 1972 aufgedeckten Watergate-Skandal immer mehr in den Verdacht der Mitwisserschaft. Ein Vertrauensschwund gegenüber dem Präsidenten und der US-Regierung weitet sich zur Regierungskrise aus.

Auch in Südamerika bringt das Jahr tiefgreifende Erschütterungen: In Chile wird die Krise der Regierung durch brutale Gewalt beendet. Das Militär unter General Augusto Pinochet Ugarte stürzt den durch Streiks und gezielte Sabotage geschwächten Volksfront-Präsidenten Salvador Allende Gossens. Der erst vor drei Jahren angetretene sozialistische Politiker kommt unter bisher nicht geklärten Umständen ums Leben. Damit ist der Versuch, eine Regierung des demokratischen »Sozialismus mit menschlichem Antlitz« in Lateinamerika zu etablieren zugunsten einer konservativen Diktatur gescheitert. In Argentinien setzen sich die Konservativen mit der Wiederwahl des 1955 verbannten Präsidenten Juan Domingo Perón durch.

Politische Entspannung in Europa


1950er / Spanien Pablo Picasso, spanischer Maler und Bildhauer (1881-1973) beim Bemalen eines Tellers.

In Europa wird Entspannung großgeschrieben: Der im Dezember 1972 ausgehandelte Grundlagenvertrag zwischen der Bundesrepublik Deutschland und der DDR tritt in Kraft. Er schafft menschliche Erleichterungen und ermöglicht die internationale Anerkennung der DDR. Im September werden beide deutsche Staaten in die Vereinten Nationen aufgenommen.

Die am 3. Juli erstmals in Helsinki tagende Konferenz für Sicherheit und Zusammenarbeit in Europa (KSZE) schafft den Rahmen für multinationale Entspannungsbemühungen, in deren Mittelpunkt der Konflikt zwischen den politischen Blöcken Ost und West steht. In Wien beginnen die Gespräche zwischen NATO und Warschauer Pakt über die beiderseitige Reduzierung von Truppen und Rüstung (MBFR). Beide Konferenzen bleiben aber aufgrund der komplexen Thematik und der jahrzehntelang divergierenden Interessen 1973 ohne Ergebnis.

Kulturell und sportlich fehlen dem Jahr 1973 die Glanzlichter. Die Welt der Kunst beklagt 1973 den Tod eines Mannes, der das 20. Jahrhundert maßgeblich geprägt hat: Pablo Picasso stirbt im Alter von 91 Jahren auf seinem Altersruhesitz an der Côte d'Azur in Südfrankreich.

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Quittung über Visagebühren DDR 1973
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