Das Jahr 1974
Sieg bei Fußball-WM – Rücktritt Willy Brandts wegen Guillaume-Affäre
»Wir sind wieder Weltmeister« – der nationale Stolz über den Sieg der deutschen Mannschaft bei der X. Fußballweltmeisterschaft im eigenen Land lässt viele Menschen in der Bundesrepublik für kurze Zeit ihre Ängste und Sorgen vergessen. Sie feiern die neuen »Nationalhelden« so begeistert, weil die politische und wirtschaftliche Situation in Deutschland wenig Grund zum Feiern gibt.
Die 1969 von der SPD/FDP-Koalitionsregierung eingeleitete »Politik der inneren Reformen« hatte in der SPD zu Uneinigkeit über den Führungsstil der Partei und damit zu einem Autoritätsverlust von Bundeskanzler Willy Brandt geführt: Im Rücktritt Brandts am 6. Mai findet dieser Vertrauensverlust seinen Niederschlag, wenn auch ausgelöst durch die Enttarnung seines Mitarbeiters Günter Guillaume als DDR-Spion. Brandt war wegen der innerparteilichen Probleme und der komplexen wirtschaftlichen Schwierigkeiten »gar nicht so abgeneigt, einen Job aufzugeben, der ihm … eine Last geworden war«, kommentiert die Londoner Tageszeitung »Times« den Rücktritt des Kanzlers.
Schwieriger Start für neuen Kanzler Schmidt: Fast eine Million Arbeitslose
Für die Bevölkerung soll sich politisch zunächst nicht viel ändern: Der neue Bundeskanzler Helmut Schmidt (SPD) betont die Fortsetzung der sozialliberalen Koalitionspolitik unter den Leitlinien »Kontinuität und Konzentration auf das Wesentliche«. In seiner ersten Regierungserklärung bilanziert er: »Unsere wirtschaftliche Lage ist gut. Unser Volk lebt in sozialer Sicherheit und in Freiheit. Der innere und der äußere Friede sind gefestigt. Unser Land hat Ansehen und Freunde in der Welt.«
Dieser positiven Einschätzung stehen jedoch nachhaltige Auswirkungen des »Ölschocks« aus dem Jahre 1973 gegenüber. Eine neuerliche Preiserhöhung für Erdöl im Januar dieses Jahres hat wiederum Produktionsrückgänge und Massenentlassungen in nahezu allen Industriezweigen zur Folge. Bis zum Jahresende steigt die Zahl der Arbeitslosen im gesamten Bundesgebiet auf 945 000 .
Die neue Erfahrung, dass weder Leistung noch Bildungsstand vor dem Verlust des Arbeitsplatzes schützen, führt in der Bevölkerung zu tiefer Verunsicherung. Die negative Entwicklung auf dem Arbeitsmarkt lasten viele Bundesbürger einer gesellschaftlichen »Randgruppe« an: Die ausländischen Arbeitnehmer, zur Zeit des wirtschaftlichen Aufschwungs unverzichtbar, sehen sich als »Konkurrenten« einer zunehmend feindlichen Stimmung ausgesetzt, obwohl ihre Zahl seit dem Anwerbestopp für Gastarbeiter 1973 bereits um 11,9 % auf rund 2,2 Mio. gesunken ist.
Jugend sucht nach Orientierung
Belastend wirkt die Stagnation in der Wirtschaft auch auf die Jugendlichen in der Bundesrepublik. Nach der Schulzeit können ihnen Lehrstellen nicht mehr garantiert, andere Formen der Beschäftigung aber auch nur selten angeboten werden. Sie suchen Zuflucht im Sport oder in der Musik, immer stärker aber auch in Scheinwelten. Die deutschen Fußballnationalspieler avancieren zu großen Vorbildern der Jugendlichen. Ein neues Idol finden sie auch in Udo Lindenberg, der ihre Probleme musikalisch umsetzt. Oft erscheinen Vergessen und Verdrängen als einzige Möglichkeit, mit der Problemflut fertigzuwerden. Immer mehr Jugendliche wenden sich dem Alkohol zu, andere entwickeln eine Spielleidenschaft für Automaten und Computer, Sekten verzeichnen wachsenden Zulauf.
Errungenschaften der Frauenbewegung stehen auf der Kippe
Eine weitere große Bevölkerungsgruppe, die besonders von der Arbeitslosigkeit betroffen ist, sind die Frauen. Sie versuchen, durch Teilzeitarbeit Familie und Beruf miteinander zu vereinbaren. Gerade diese Stellen sind aber die ersten, die bei einem Produktionsrückgang abgebaut werden. Die Frauen fühlen sich zurückgedrängt in traditionelle Rollenbilder und fordern ihr Selbstbestimmungsrecht ein. Dieser Konflikt manifestiert sich im Streit um den sog. Abtreibungsparagrafen 218. Der Bundestag beschließt im Juni die in vielen europäischen Ländern bereits gesetzliche Fristenlösung. Die Frauenbewegung erleidet jedoch einen Rückschlag, als diese mühsam erkämpfte Reform schon kurze Zeit später wieder ausgesetzt wird. Nach einer Verfassungsbeschwerde tritt an ihre Stelle vorübergehend ein Indikationenmodell, das jedoch z. B. die sozialen Gründe der Frauen, sich gegen ein Kind zu entscheiden, außer Acht lässt.
Nixon scheitert an Watergate-Skandal
Die Politik der Großmächte ist 1974 von einem Machtwechsel und dem Fortschritt der Entspannungsbemühungen gekennzeichnet. In den USA bestimmt der Fortgang des »Watergate«-Skandals das Klima der Innenpolitik. Die Menschen reagieren mit Bestürzung auf die weiteren Enthüllungen zum Einbruch in das Hauptquartier der Demokratischen Partei 1972. Spektakulärer Höhepunkt der Affäre ist der Rücktritt des republikanischen Präsidenten Richard M. Nixon im August, der mit diesem Schritt einem drohenden Amtsenthebungsverfahren zuvorkommt. Der »Schock« in der Bevölkerung sitzt tief, das Vertrauen in die Integrität und Loyalität ihrer politischen Vertreter ist nachhaltig erschüttert. Die nationale Demoralisierung vermag auch der neue Präsident Gerald R. Ford nicht aufzuheben, zumal er die gerichtliche Feststellung der Verantwortung seines Amtsvorgängers durch eine Begnadigung Nixons verhindert.
Unterdessen schreitet die Annäherung zwischen den Supermächten USA und Sowjetunion weiter voran: Die Verhandlungen der beiden Spitzenpolitiker Gerald R. Ford und Leonid I. Breschnew über weitere Abrüstungsmaßnahmen werden weltweit als Zeichen für ein baldiges Ende des Wettrüstens begrüßt.
Die tiefgreifenden politischen Ereignisse in zahlreichen Staaten geben den Menschen 1974 die Hoffnung auf mehr Demokratie und anhaltenden Frieden. So schreitet z. B. die Demokratiebewegung in Europa weiter voran, im Nahen Osten werden bedeutende Schritte zur endgültigen Beilegung des israelisch-arabischen Konfliktes gemacht. Angesichts zunehmender Umweltzerstörung, wachsender wirtschaftlicher Probleme und daraus resultierender sozialer Spannungen wird das Lebensgefühl vieler Menschen vor allem in den Industriestaaten Westeuropas allerdings mehr und mehr von Pessimismus geprägt.