Das Jahr 1977
„Deutscher Herbst“ im Zeichen des Terrorismus: Schleyer-Mord, Entführung von Mogadischu und Selbstmorde in Stammheim
Der politische Terror, der seit Beginn der 70er Jahre in der Bundesrepublik Deutschland wütet, eskaliert im »Deutschen Herbst« mit der Entführung und Ermordung des Arbeitgeberpräsidenten Hanns Martin Schleyer. Bereits in den Monaten zuvor sind Generalbundesanwalt Siegfried Buback und der Bankier Jürgen Ponto Mordanschlägen der sog. Roten-Armee-Fraktion zum Opfer gefallen.
Mitte Oktober spitzt sich die Lage dramatisch zu, als ein arabisches Terrorkommando eine voll besetzteLufthansa-Maschine entführt. Der Forderung nach Freilassung inhaftierter Terroristen soll damit Nachdruck verliehen werden. Nach Tagen quälender Ungewissheit gelingt der Anti-Terror-Einheit »GSG 9« in der somalischen Hauptstadt Mogadischu in einer generalstabsmäßig vorbereiteten Aktion die Befreiung der Geiseln. Unmittelbar nach Bekanntwerden der Befreiung erschießen die RAF-Terroristen den in ihrer Hand befindlichen Schleyer. Die zu lebenslanger Haft verurteilten Terroristen Andreas Baader, Gudrun Ensslin und Jan-Carl Raspe, deren Freilassung erpresst werden sollte, begehen im Hochsicherheitstrakt des Gefängnisses in Stuttgart-Stammheim Selbstmord.
Deutschland im Ausnahmezustand
In den Wochen der Schleyer-Entführung stehen die politischen Organe und das rechtsstaatliche System der Bundesrepublik vor einer schweren Bewährungsprobe. Das Land befindet sich quasi in einem geistigen und emotionalen Ausnahmezustand. Würde es der politischen Führung gelingen, die Herausforderung des Terrorismus zu meistern, den Erpressungsversuchen der RAF und ihrer internationalen Helfershelfer zu widerstehen, ohne dabei – wie in- und ausländische Beobachter befürchten – rechtsstaatliche Grundsätze anzutasten? Über der Bundesrepublik liegt eine bedrückende Atmosphäre. Die Suche nach sog. Sympathisanten nimmt – geschürt von Boulevardblättern und Teilen der konservativen Presse – mitunter hysterische Züge an. Die Bundesregierung unter Kanzler Helmut Schmidt (SPD) begegnet dem Terror mit Entschiedenheit und Härte. Im Einzelfall schließt dies nicht aus, bis an die Grenze des Vertretbaren zu gehen. Insbesondere gegen das im Eilverfahren verabschiedete »Kontaktsperregesetz« melden einige Koalitionsabgeordnete Bedenken an.
Zu Anfang des Jahres sorgt der »Lauschangriff« auf den Atomphysiker Klaus Traube für innenpolitischen Wirbel. Der Verfassungsschutz und das Bundesinnenministerium geraten wegen einer juristisch fragwürdigen Abhöraktion ins Kreuzfeuer der öffentlichen Kritik. Das Schlagwort vom »Überwachungsstaat« macht schnell die Runde.
1977 erfasst auch die Auseinandersetzung um die friedliche Nutzung der Kernenergie breite Kreise der Bevölkerung. In Großdemonstrationen und Bauplatzbesetzungen bringen vor allem jüngere Menschen ihre Ablehnung gegenüber der Kernenergie zum Ausdruck.
Charta 77 gegen Repressionen im sowjetischen Einflussbereich
In den Ländern des Ostblocks regt sich nach Jahren erzwungener Ruhe zunehmender Widerstand. Die neu gegründete »Charta 77«, der u. a. der Dramatiker Václav Havel angehört, fordert in der CSSR Achtung der Menschen- und Bürgerrechte. Wie in der Tschechoslowakei, Polen und der Sowjetunion reagiert auch das Regime in der DDR auf Kritik an seiner Herrschaftspraxis mit verstärkten Repressionen. So wird der ehemalige Wirtschaftsfunktionär Rudolf Bahro wegen seiner Kritik am real existierenden Sozialismus, im Westen unter dem Titel »Die Alternative« als Buch veröffentlicht, vom Staatssicherheitsdienst verhaftet. Durch die Ausreise zahlreicher unangepasster Künstler, die im Laufe des Jahres nach z. T. jahrelangen Drangsalierungen in die Bundesrepublik kommen, erleidet die DDR-Kultur einen starken Aderlass. Einen Mitstreiter finden die osteuropäischen Dissidenten im neu gewählten US-Präsidenten Jimmy Carter. Er macht die Frage der Menschenrechte zur Leitschnur seiner Außenpolitik. Augenfällig wird sein Engagement bei dem KSZE-Folgetreffen in Belgrad, wo es zu scharfen Wortgefechten zwischen Vertretern der USA und der Sowjetunion kommt. Innenpolitisch bemüht sich der neue Präsident nach den Traumata der Watergate-Affäre und des Vietnamkrieges um einen Neuanfang. Sein ehrgeiziges, mit hohem moralischem Anspruch vorgetragenes Reformprogramm stößt bei vielen US-Bürgern jedoch zunächst auf Skepsis.
Verbessertes Klima zwischen Ägypten und Israel
Anlass zur Hoffnung gibt – neben der raschen Stabilisierung demokratischer Verhältnisse im Spanien der Nach-Franco-Ära – die Entwicklung im Nahen Osten. Der ägyptische Präsident Muhammad Anwar Al Sadat erklärt überraschend seine Bereitschaft zu Friedensverhandlungen mit dem langjährigen Kriegsgegner Israel. Um die Versöhnung zwischen den beiden Staaten einzuleiten, unternimmt er im November 1977 als erster arabischer Staatschef eine Reise in den jüdischen Staat. Die Verbündeten Ägyptens sehen in der Initiative Sadats allerdings einen Verrat an der arabischen Sache und brechen die diplomatischen Beziehungen zur Regierung in Kairo ab.
Immer stärker ins öffentliche Bewusstsein rücken die wachsende Kluft zwischen armen und reichen Staaten und die damit verbundenen Gefahren für den Weltfrieden. Im Zeichen eines zunehmenden Problembewusstseins nimmt im Dezember 1977 die Nord-Süd-Kommission unter Leitung des SPD-Vorsitzenden Willy Brandt die Arbeit auf. Vertreter aus Industriestaaten und Ländern der »Dritten Welt« bemühen sich um Vorschläge zur Überwindung des Wohlstandsgefälles zwischen Nord und Süd.
Dietrich Thurau im Gelben Trikot – Rosemarie Ackermann über zwei Meter
Zu den sportlichen Höhepunkten des Jahres zählt das erfolgreiche Abschneiden des deutschen Radrennfahrers Dietrich Thurau bei der Tour de France. Nachdem er mehrere Etappen lang das »Gelbe Trikot« getragen hat, belegt er in der Gesamtwertung den fünften Platz. Eine Schallmauer in der Leichtathletik durchbricht die DDR-Sportlerin Rosemarie Ackermann, die im Berliner Olympiastadion als erste Frau die Höhe von 2 Metern überspringt. Beim 100-jährigen Jubiläums-Tennisturnier von Wimbledon kann der Schwede Björn Borg seinen Vorjahressieg wiederholen.