Das Jahr 1978
Sadat und Begin unterzeichnen ägyptisch-israelisches Abkommen in Camp David
Trotz zahlloser Unruhen und Krisen ist 1978 ein Jahr, das von Friedenshoffnung geprägt ist. US-Präsident Jimmy Carter bringt auf seinem Landsitz in Camp David Israel und Ägypten an einen Tisch. Der israelische Ministerpräsident Menachem Begin und der ägyptische Staatspräsident Muhammad Anwar As Sadat unterzeichnen ein Abkommen, in dem sie sich zur Suche nach einem politischen Ausgleich verpflichten. Der »Geist von Camp David«, der in der westlichen Öffentlichkeit beschworen wird, ist Ausdruck der Hoffnung auf Frieden für eine Region, die seit dem Beginn des Jahrhunderts krisengeschüttelt ist. Für den Westen verbindet sich mit dieser Hoffnung die Aussicht auf politische Stabilität in der wirtschaftlich wichtigen Ölregion.
Die hochfliegenden Erwartungen werden jedoch bald enttäuscht. Israel zeigt sich nicht bereit, die seit 1967 besetzten arabischen Gebiete außerhalb Ägyptens zu räumen. Ägypten bezahlt seine Dialogbereitschaft mit einer weitgehenden Isolation innerhalb der arabischen Welt. Der Anspruch der Palästinenser auf einen eigenen Staat bleibt nach wie vor umstritten. So ist das Abkommen von Camp David einer der ersten konstruktiven Schritte in einem Friedensprozess, der auch im 21. Jahrhundert noch andauert; es bringt aber nicht die erhoffte schnelle Lösung für Palästina.
Unruhen im Iran: Schah in der Defensive
Die Stabilisierung der politischen Lage im Nahen Osten wird aber durch das Aufbrechen heftiger Unruhen im Iran gefährdet. Islamische Fundamentalisten bringen Millionen von Menschen gegen das Regime von Schah Resa Pahlewi auf die Straße. Der von den Mullahs geschürte Zorn der Massen richtet sich insbesondere gegen eine zunehmende Verwestlichung der iranischen Gesellschaft und die Vernachlässigung islamischer Traditionen, gegen den Terror der Geheimpolizei SAVAK und die allgemeine Korruption. Es zeichnet sich jedoch bereits ab, dass der Versuch des Schahs, seine Herrschaft durch Reformen einerseits und die Verhängung des Kriegsrechts andererseits zu retten, scheitern wird.
Amoco Cadiz richtet Ölpest an – Diskussionen um britisches Retortenbaby
In der Bundesrepublik ist die sozialliberale Reformeuphorie der Ära Brandt/Scheel einer weitgehenden Ernüchterung gewichen. Helmut Schmidt, Bundeskanzler seit 1974, steht für einen politischen Pragmatismus, der sich an eingeschränkten wirtschaftlichen und finanziellen Möglichkeiten orientieren muss. Anspruchsvolle sozial- und bildungspolitische Reformen müssen zurückgestellt werden, da mit der weltweiten Wirtschaftskrise die Politik der Bundesregierung vom Krisenmanagement bestimmt wird.
Die Grenzen des Wachstums werden den Wohlstandsbürgern 1978 aber nicht nur im Bereich der Wirtschaft vor Augen geführt: Durch eine Umweltkatastrophe bislang unbekannten Ausmaßes kommt einer breiten Öffentlichkeit die zunehmende Gefährdung der Natur durch die Industriegesellschaft schlagartig zu Bewusstsein. Im März läuft der Supertanker »Amoco Cadiz« vor der französischen Atlantikküste auf Grund und verseucht die Strände der Bretagne. Durch das ausgelaufene Öl gehen Tausende von Seevögeln zugrunde; die Küste liegt für Monate unter einem Ölteppich, der jedes Leben erstickt.
Als Reaktion auf die zunehmende Umweltzerstörung organisieren sich in westlichen Industriestaaten Bürgerinitiativen, die gegen Kernkraftwerke, industrielle Großprojekte oder Giftmülldeponien zu Felde ziehen. In der Bundesrepublik treten die ersten grünen Parteien zu Landtagswahlen an.
Um die Grenzen zwischen dem technisch Machbaren und dem moralisch Vertretbaren geht es auch in der Diskussion um das erste außerhalb des Mutterleibes gezeugte Kind, das im Juli in Großbritannien das Licht der Welt erblickt. Das Ereignis löst eine leidenschaftlich geführte Diskussion über die ethische Dimension derartiger Manipulation aus – eine Diskussion, die in den folgenden Jahren durch immer neue Erfolgsberichte aus der Genforschung weiteren Zündstoff erhält.
Filbinger tritt wegen NS-Todesurteilen zurück – Berufsverbote für DDR-Oppositionelle
33 Jahre nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs erhitzt eine andere Frage der Moral die Gemüter. Im Mittelpunkt der Diskussion steht der baden-württembergische Ministerpräsident Hans Filbinger, der als Marinerichter bis 1945 an mehreren Todesurteilen mitgewirkt hatte. Nachdem Filbinger in der deutschen Presse massiv attackiert wurde, wächst der Druck auf ihn so stark, dass er im August von seinem Amt zurücktritt.
In der DDR verstärkt das SED-Regime den Druck auf oppositionelle Kräfte. So kommt es nach der spektakulären Veröffentlichung eines Oppositionsmanifests im Hamburger »Spiegel« zu Verhaftungen und Berufsverboten. Der »Spiegel« muss sein Ostberliner Büro schließen. Auf Ablehnung vor allem von kirchlicher Seite stößt die Einführung des Wehrunterrichts an öffentlichen Schulen, mit dem die Staatsführung die Militarisierung der DDR-Gesellschaft vorantreibt. Auf der anderen Seite zeigt das erste Treffen zwischen SED-Führung und Vertretern der evangelischen Kirchenleitung im März, dass sich das Regime um ein entspannteres Verhältnis zu den Kirchen bemüht.
Terrorismus weiter im Brennpunkt: „Rote Brigaden“ ermorden Aldo Moro
Ein Thema bleibt auch 1978 in der internationalen Diskussion, das Politiker und Sicherheitsexperten schon seit Beginn der 70er Jahre beschäftigt: Der weltweite Terrorismus. Mit der Ermordung des italienischen Christdemokraten Aldo Moro durch Mitglieder der »Roten Brigaden« wird unübersehbar, dass die Staaten der westlichen Welt noch immer kein wirksames Mittel gegen den blutigen Terror gefunden haben. In der Bundesrepublik ist die Kontroverse um Fahndungspannen und verschärfte Anti-Terror-Gesetze, die nach der Ermordung Hanns Martin Schleyers 1977 entbrannte, noch nicht verstummt. Doch auch hier kennzeichnet Ratlosigkeit die Haltung der politischen Parteien.
Polnischer Kardinal Wojtyla wird Papst Johannes Paul II.
Für großes Aufsehen sorgt im Oktober die Wahl des polnischen Kardinals Karol Wojtyla zum Oberhaupt der katholischen Kirche. Er ist der erste Nichtitaliener seit über 450 Jahren und der erste Pole überhaupt auf dem Heiligen Stuhl. Sein Vorgänger Johannes Paul I. war nach nur 33-tägigem Pontifikat gestorben. »Der lächelnde Papst«, wie er von den Gläubigen wegen seines fröhlichen Auftretens genannt wurde, hatte das Amt im August nach dem Tod von Paul VI. angetreten. Mit der Wahl Wojtylas setzt die katholische Kirche ein deutliches Signal der moralischen Unterstützung ihrer Gemeinden in den Staaten des Warschauer Paktes. Unter dem »real existierenden Sozialismus« und insbesondere in Polen sind die katholischen Gläubigen dem Terror des Staates in unterschiedlichsten Formen ausgesetzt. Wojtylas Wahl bedeutet einen wichtigen Schritt zur Demokratisierung Polens, die in den ersten freien Wahlen 1989 ihren vorläufigen Höhepunkt findet.