Das Jahr 1981
Internationale Hochrüstung sorgt für Furcht vor der Apokalypse
»Auch für mich, also jemand, der eigentlich nicht dazu neigt, sich von Weltuntergangsstimmungen tragen zu lassen, ist das Ende menschlicher Anwesenheit auf dem Planeten Erde vorstellbar geworden. Keine Naturgewalten, wir bedrohen uns. Kein unwägbares Schicksal ist über uns verhängt, sondern ureigenes Machwerk«. Der Schriftsteller Günter Grass bringt in seiner Rede bei der Berliner Begegnung zur Friedensförderung im Dezember 1981 seine Angst vor einem apokalyptischen Inferno zum Ausdruck, die viele Menschen zu Beginn der 80er Jahre teilen. »Wir sind nicht nur bis an die Zähne, sondern weit über den Horizont unseres eigenen Begreifens bewaffnet und mittlerweile als Sklaven eines falschen Fortschrittsbegriffs fähig, uns selbst zu vernichten«, warnt Grass.
Rüstungswettlauf geht trotz Abrüstungsverhandlungen in eine neue Runde
Raketenhochrüstung und die Verschärfung des Ost-West-Konfliktes lassen die Gefahr eines Dritten Weltkrieges immer akuter erscheinen. Neue Konzepte US-amerikanischer Militärstrategen, die davon ausgehen, dass ein Atomkrieg nicht zwangsläufig das Ende der Menschheit bedeutet, sondern durchaus zum Sieg einer Seite (»Victory is possible«) führen kann, verdeutlichen das prekäre Verhältnis der Supermächte untereinander. »Politik der Stärke« ist das Motto, unter dem sowohl die UdSSR als auch die USA ihre Aufrüstung vorantreiben (NATO-Doppelbeschluss 1979) oder ihre Einflusszonen zu erweitern versuchen (sowjetische Invasion in Afghanistan 1979/80).
Mit dem Amtsantritt von US-Präsident Ronald Reagan im Januar 1981 beginnt eine neue Phase im Rüstungswettlauf der Militärbündnisse. Geleitet von der von ihm befürchteten Gefahr einer beginnenden US-amerikanischen Unterlegenheit, forciert Reagan die rüstungstechnischen Anstrengungen seines Landes. Neben einem Programm zur Modernisierung der strategischen Streitkräfte beschließt seine Regierung im August den Bau der Neutronenbombe. Die neue Bombe, die der SPD-Sicherheitsexperte Egon Bahr als ein »Symbol der Perversion des Denkens« bezeichnet, vernichtet dank größerer Strahlen- und geringerer Explosivkraft Menschen und verschont Gebäude. Viele Kritiker sehen in dieser Entscheidung Reagans eine Torpedierung der Abrüstungskomponente des NATO-Doppelbeschlusses – im November beginnen in Genf die INF-Abrüstungsverhandlungen zwischen der UdSSR und den USA.
Abschuss libyscher Flugzeuge und Kriegsrecht in Polen – Attentate auf Reagan, Sadat und den Papst
Als ein Zeichen für den aggressiven außenpolitischen Kurs der USA unter Reagan wird in der Öffentlichkeit der Abschuss zweier libyscher Maschinen durch US-amerikanische Kampfflugzeuge im August gewertet. Der Zwischenfall in der von Gaddafi als Hoheitsgewässer beanspruchten »Großen Syrte« soll die Vormachtstellung der USA im Mittelmeer unterstreichen und den vermeintlichen Erzfeind der USA in seine Schranken weisen.
Die UdSSR zeigt ebenfalls ihre Muskeln, als sie im Dezember die polnische Regierung veranlasst, das Kriegsrecht über das Land zu verhängen und damit den Demokratisierungsbemühungen der unabhängigen Gewerkschaft »Solidarität« ein jähes Ende setzen.
Die allgemein instabile Lage in der Welt unterstreichen drei Attentate, die 1981 die Öffentlichkeit erschüttern. US-Präsident Ronald Reagan und Papst Johannes Paul II. werden durch Revolverkugeln schwer verletzt, die Ermordung des ägyptischen Präsidenten Anwar As Sadat führt zu einer Verunsicherung der gesamten Nahostregion.
Friedensdemonstrationen und wachsender Einfluss der Umweltbewegung
Besonders in den westeuropäischen NATO-Staaten sind die Menschen durch die internationalen Spannungen zunehmend beunruhigt. Planspiele der Militärstrategen lassen immer öfter Europa als Schauplatz eines begrenzten atomaren Schlagabtausches ins Gerede kommen. Die wachsende Kriegsangst dokumentiert sich in Massendemonstrationen für Frieden und Abrüstung, bei denen in vielen europäischen Städten Millionen von Menschen auf die Straßen gehen.
Eine starke Protestbewegung findet zu Beginn der 80er Jahre auch in der Bundesrepublik Deutschland Anhänger in allen Bevölkerungsschichten. Zukunftsangst, wachsende Unzufriedenheit mit den politischen und sozialen Verhältnissen sowie ein Vertrauensverlust in die Fähigkeiten der Politiker lassen neue Parteien wie »Die Grünen« und zahlreiche Bürgerinitiativen entstehen. Parallel zur Friedensbewegung setzt sich die Umweltbewegung durch und leitet einen ökologisch orientierten Umdenkungsprozess ein, der auch in Massendemonstrationen gegen Atomkraftwerke (Brokdorf) zum Ausdruck kommt.
Koalition am Scheideweg: Streit um NATO-Doppelbeschluss und Wirtschaftspolitik
Das Thema des Jahres, die Rüstungspolitik, findet in der Bonner Regierungskoalition ihren Niederschlag: Neben dem Streit um den wirtschaftspolitischen Kurs der Regierung, der bei anhaltender Konjunkturschwäche und alarmierenden Arbeitslosenzahlen (1,3 Mio.) umstritten ist, bestehen zwischen der FDP und der SPD Differenzen in Bezug auf die Sicherheitspolitik. Der NATO-Doppelbeschluss ist auch innerhalb der SPD zum Zankapfel geworden. Der Niedergang der sozialliberalen Koalition, der sich bereits 1981 abzeichnet, wird 1982 mit der »Bonner Wende« vollzogen. Er gründet letztlich auch in der Zuspitzung der weltweiten politischen und sozialen Probleme.