Das Jahr 1983
Schwarz-gelbe Koalition bestätigt – Grüne erstmals im Bonner Parlament
Sucht man das Jahr 1983 mit wenigen Worten zu beschreiben, drängen sich vor allem die Begriffe »Nachrüstung« und »Abrüstung« auf. Ihre Gegensätzlichkeit formt den Charakter des Jahres, das zu gleichen Teilen von der sich weiterdrehenden Rüstungsspirale und dem Erstarken der Friedensbewegung bestimmt wird. 1983 ist das Jahr der Friedensdemonstrationen und des »heißen Herbstes«.
Mit heftigen Auseinandersetzungen also sieht sich der neue Bundeskanzler Helmut Kohl konfrontiert. Er war 1982 angetreten, die »geistig-moralische« Wende zu vollziehen, nachdem die langjährige sozialliberale Regierungskoalition unter Bundeskanzler Helmut Schmidt zerbrochen war. Im März werden Kohl und sein konservativer Kurs durch die Bundestagswahl vom Volk bestätigt.
Neben dieser klaren Entscheidung für die Wende zeichnet sich noch ein anderer Umschwung ab. Mit dem Einzug der Grünen ins Parlament manifestiert sich der Wunsch vieler Wähler nach einer Alternative zu den etablierten Parteien. Damit schafft sich die ökologische Bewegung erstmals auf bundespolitischer Ebene ein Sprachrohr. Die großen Parteien sehen sich durch den Erfolg der Grünen gezwungen, den Umweltschutz ebenfalls zum Thema zu machen, um keine Wähler zu verlieren.
Der Trend zum Konservativismus und die Bürgerprotestbewegungen sind aber keine auf die Bundesrepublik beschränkten Einzelphänomene: Kräftige konservative Linien zeichnen auch die US-Regierung unter Ronald Reagan und die britische Regierung der »Eisernen Lady« Margaret Thatcher, die 1983 wiedergewählt wird.
Starke Friedensbewegung kann Stationierung von US-Raketen in Europa nicht verhindern
Andererseits erhält die Friedensbewegung, die in den USA schon seit längerem für einen Rüstungsstopp plädiert, auch in Europa regen Zulauf. So wird das Jahr von einer Abrüstungsdebatte geprägt, an der sich, vor allem in der Bundesrepublik, neben Politikern auch Intellektuelle, die Kirchen und große Teile der Bevölkerung beteiligen. Den Höhepunkt der von der Friedensbewegung veranstalteten Sternmärsche, Kundgebungen, Diskussionen, Konzerte, Lesungen etc. bildet die bundesweite Großdemonstration am 22. Oktober mit weit über einer Million Teilnehmern.
Nach langem Zögern kommt es im Herbst zu der Entscheidung des Jahres: Die NATO-Länder stimmen nach gescheiterten Abrüstungsverhandlungen in Genf und Wien geschlossen für die Stationierung von neuen US-Mittelstreckenraketen auf europäischem Boden. Eine Verschärfung des Kalten Krieges droht. Denn neben der Stationierungsdebatte verschlechtern weitere Konflikte das Ost-West-Verhältnis: Der Afghanistankrieg geht ins vierte Jahr, der Golfkrieg ins dritte, die USA besetzen Grenada, und die Sowjetunion schießt einen südkoreanischen Jumbojet ab.
Wachsendes Nord-Süd-Gefälle – Großmächte führen Krieg in der Dritten Welt
Eng mit dem Ost-West-Konflikt verknüpft ist das Nord-Süd-Gefälle, das durch wachsende Kreditaufnahmen der Dritten Welt immer größer wird. Einige Länder stehen 1983 vor dem Bankrott; die bei der UNCTAD-Konferenz im Juli 1983 eingeleiteten Umschuldungsaktionen stellen nur eine vorübergehende Hilfe dar. In zahlreichen Dritte-Welt-Ländern entstehen 1983 neue Konflikte, alte setzen sich unvermindert fort: Blutige Rassenauseinandersetzungen in Sri Lanka, religiöse Kämpfe im nordindischen Assam, Militärputsch und Bürgerkrieg in Obervolta und im Tschad, wachsender Bürgerprotest gegen das Marcos-Regime auf den Philippinen und die Militärregierung in Chile.
Die direkte oder indirekte Einmischung der Großmächte, die sich durch Militäreinsätze oder Technologieheferungen ihre Einflusssphären in wirtschaftlich oder strategisch bedeutsamen Dritte-Welt-Ländern sichern wollen, führt zur Verschärfung der Konflikte. Beispiele hierfür sind der seit 1980 währende Golfkrieg zwischen dem Iran und dem Irak und der seit 1979 andauernde Bürgerkrieg in Nicaragua.
Die wirtschaftliche Verflechtung der Interessen macht eine Begrenzung der Konflikte auf einzelne Regionen immer schwieriger. Obwohl der Ost-West-Gegensatz 1983 das Geschehen dominiert, wird deutlich, dass das Nord-Süd-Gefälle zumindest gleichrangige Bedeutung hat. Die von den Vereinten Nationen geforderte gleichberechtigte Zusammenarbeit der Industrienationen mit der Dritten Welt wird zu einer der dringendsten Aufgaben des kommenden Jahrzehnts.