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Das Jahr 1986

Die Katastrophe von Tschernobyl erschüttert die Welt


19.09.1986 / Tschernobyl, Ukraine Das schwer beschädigte Atomkraftwerk in der Nähe von Kiew.

Tschernobyl – der Name dieses ukrainischen Ortes rd. 130 km nördlich von Kiew wird am 26. April 1986 zum Symbol für die mangelnde Fähigkeit des Menschen, mit der von ihm geschaffenen Technik umzugehen. Wie Goethes »Zauberlehrling« experimentiert eine Bedienungsmannschaft so lange mit den atomaren Kräften, bis eine Explosion das Reaktorgehäuse zerstört, die Brennstäbe zu schmelzen beginnen und Radioaktivität in die Atmosphäre entweicht. Eine ganze Region wird durch den Super-GAU dauerhaft verstrahlt. Zwar wird der Unglücksreaktor unter großen Mühen in einem Beton- und Stahlmantel eingesargt, doch in seinem Innern strahlt er weiter. Der Reaktorblock 4 in Tschernobyl bleibt eine Gefahr für Mensch und Umwelt.

Über die voraussichtlichen langfristigen Folgen für die Gesundheit äußert sich Robert Gale, der im Mai 1986 zur Behandlung von strahlengeschädigten Personen nach Moskau geholte US-amerikanische Knochenmarkspezialist, einige Zeit später: »Wir haben vorausgesagt, dass es in den nächsten 50 Jahren infolge von Tschernobyl zwischen 2500 und 75 000 Krebstote geben wird ... Wichtig bei allen diesen Folgen ist, dass nur etwa 40 % von ihnen in der Sowjetunion auftreten werden und 60 % außerhalb der Sowjetunion ... Man kann irgendwann, irgendwo ein Plutoniumatom einatmen, das in Tschernobyl freigesetzt worden ist – und dieses Plutoniumatom könnte erst im Jahr 2000 schädlich werden. Ein einziges Plutoniumstäbchen, eine einzige geschädigte Zelle kann den Tod eines jeden von uns bedeuten.«

Atomarer Niederschlag auch in Deutschland – trotzdem kein Ausstieg aus der Kernenergie

Der Atomunfall in Tschernobyl ist der erste, der staatenübergreifend schwere Folgen hat. Radioaktiv verseuchte Luftmassen breiten sich über weite Teile Mitteleuropas aus. Im Bereich der Bundesrepublik Deutschland misst man vor allem in Bayern stark erhöhte Werte von Radioaktivität. Auf Jahre hinaus werden hier erhöhte Strahlenwerte bei Waldpilzen und Wild festgestellt. Unklare und widersprüchliche Informationen über das Unglück und die davon ausgehende Gefährdung wecken unter der Bevölkerung auch in der Bundesrepublik große Ängste. Bislang fast unbekannte Begriffe wie »Restrisiko« und »Halbwertzeit« sowie eine Fülle von Maßeinheiten wie »Röntgen«, »rad«, »Gray«, »Sievert« und »Becquerel« sorgen für Verunsicherung.

Zwar erhält durch Tschernobyl die Diskussion über die Kernenergie eine neue Dimension, doch kein Land gibt diese Technik nach Tschernobyl auf, ordnet einen Baustopp oder ein Verbot der Inbetriebnahme neuer Kernkraftwerke an. Ein Ausstieg aus der Kernenergie wird mit Hinweis auf die schwerwiegenden Folgen für Wirtschaftswachstum, Wettbewerbsfähigkeit und Beschäftigung abgelehnt.

Grenzen der Technik auch andernorts sichtbar: Challenger-Explosion und Gift im Rhein


Die Shuttle-Katastrophe: Explosion der U.S.-amerikanischen Raumfähre »Challenger« am 28. Januar 1986

Tschernobyl ist das schwerwiegendste, aber nicht das einzige Menetekel für die Nichtbeherrschbarkeit der Technik: Die Explosion der amerikanischen Raumfähre »Challenger« am 28. Januar, bei der sieben Astronauten ums Leben kommen, und weitere Unfälle in der unbemannten Raumfahrt machen deutlich, dass auch 17 Jahre nach dem Flug zum Mond die Weltraumfahrt noch ihre Risiken hat. Die Einleitung giftiger Chemikalien in den Rhein nach dem Großbrand bei der Sandoz AG in Basel am 1. November führt im Fluss auf einer Länge von 280 km zu schwersten ökologischen Schäden. Zahlreiche weitere Giftunfälle in Chemieunternehmen in der Schweiz und der Bundesrepublik lassen im Herbst 1986 den Ruf nach besseren Sicherheitsvorkehrungen lautwerden.

SDI führt zu verhärteten Fronten zwischen den USA und der UdSSR

In der internationalen Politik scheinen die Hoffnungen auf einen erfolgreichen Dialog zwischen den beiden Supermächten, die durch die Wahl von Michail Gorbatschow zum Generalsekretär der KPdSU im März 1985 wachgerufen wurden, zu trügen: 1986 ist nicht – wie von den Vereinten Nationen proklamiert – ein »Jahr des Friedens«: Am 27. Mai gibt US-Präsident Ronald Reagan die Abkehr der USA vom Rüstungsbegrenzungsvertrag SALT II bekannt, am 12. Oktober scheitert der Ost-West-Gipfel auf Island am Beharren der USA auf ihrem SDI-Programm einer weltraumgestützten Raketenabwehr. Während die USA ihrem früheren Erzfeind, dem Iran, insgeheim Waffen liefern, um dafür US-Geiseln aus dem Libanon freizubekommen, bombardiert am 15. April die US-Luftwaffe die libyschen Städte Tripolis und Bengasi, um den – der Unterstützung terroristischer Aktivitäten angeprangerten – libyschen Revolutionsführer Muammar Al Gaddafi einzuschüchtern.

Haiti verjagt seinen Diktator – Ende der Verbannung für Sacharow und Bonner


Der sowjetische Kernphysiker und Menschenrechtler Andrej D. Sacharow und Jelena Bonner.

Dennoch – 1986 ist nicht nur ein Jahr der Katastrophen und Kriege. Auf den Philippinen und in Haiti werden im Februar die Diktatoren Ferdinando E. Marcos und Jean-Claude (»Baby Doc«) Duvalier verjagt. Eine – wenn auch instabile – demokratische Ordnung tritt an die Stelle jahrzehntelanger autokratischer Machtausübung.

Für Gesprächsstoff sorgen 1986 ferner das erstmalige Auftreten des Pianisten Wladimir Horowitz nach 54 Jahren in Deutschland, die Fußballweltmeisterschaft in Mexiko mit dem verdienten Finalsieg der Argentinier über das Beckenbauer-Team, der Aufstieg Steffi Grafs in die Tennis-Weltspitze und der zweite Wimbledonsieg von Boris Becker, die Traumhochzeit des britischen Prinzen Andrew mit Sarah Ferguson, der spektakuläre Kauf und Rückkauf der »Neuen Heimat« und der Umzug des Deutschen Bundestages ins Bonner Wasserwerk.

Am Ende des Jahres macht eine Nachricht aus der Sowjetunion deutlich, dass die von Gorbatschow propagierte Politik von Glasnost (Offenheit) und Perestroika (Umgestaltung) erste Früchte trägt: Am 19. Dezember dürfen der Regimekritiker Andrei Sacharow und seine Frau Jelena Bonner aus der Verbannung in Gorki nach Moskau zurückkehren. Der beginnende Wandel in der Sowjetunion ist nach Tschernobyl ein zweites, mit weitreichenden Folgen verbundenes Ereignis des Jahres 1986.

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