Das Jahr 1992 Auf dem Balkan tobt weiter Krieg – Konflikte auch in der ehemaligen SowjetunionSeit drei Jahren ist der Kalte Krieg beendet, seit zwei Jahren gibt es einen vereinigten deutschen Staat. Dennoch ist die Welt 1992 mehr denn je auf der Suche nach Normalität. Von der humaneren »neuen Weltordnung«, die US-Präsident George Bush nach dem Fall der kommunistischen Diktaturen voraussagte, kann noch längst keine Rede sein. Die Welt bewegt sich eher zurück zu alten Ufern, hin zu Nationalismus und Rassismus. Fanatismus macht auch in Europa die Unterdrückung und Ermordung von Minderheiten wieder möglich, obwohl diese Verbrechen seit dem Völkermord der Nationalsozialisten überwunden schienen.
In der europäischen Politik gehören Versuche, ethnische Grenzen mit Gewalt zu verändern, wieder zur grausamen Realität. Das zeigen vor allem die Eroberungszüge der Serben, die im multikulturellen Bosnien-Herzegowina kaum mehr einen Stein auf dem anderen lassen. Dass ihnen die Hauptschuld für den Krieg gegeben wird, verdanken sie vor allem den systematischen Vergewaltigungen, den unmenschlichen Lagern und »ethnischen Säuberungen«, mit denen sie die eroberten Gebiete terrorisieren. Die serbische Führung will so vollendete Tatsachen für spätere Verhandlungen schaffen. Sie setzt sich dabei mit einer Ignoranz über jegliche Menschenrechte hinweg, die in Westeuropa einen allgemeinen Aufschrei verursacht. Aber auch die kroatische und die bosnische Kriegspartei machen sich schwerer Verbrechen an der Zivilbevölkerung schuldig.
Neben dem Balkan ist das Gebiet der früheren Sowjetunion überaus anfällig für Propheten irgendeiner nationalen oder religiösen Größe. Vor allem im Kaukasus und in Zentralasien mit ihren historisch gewachsenen Streitigkeiten entstehen neue Konfliktherde: Georgien gleich mit zwei blutigen Kriegen, Aserbaidschan und Armenien mit dem Zankapfel Berg-Karabach, dazu Tadschikistan und innerhalb Russlands Nordossetien und Tschetschenien. Vor allem Tschetschenien wird Moskau später noch viel zu schaffen machen. Pogromstimmung in Rostock, Morde von Mölln – Lichterketten gegen AusländerfeindlichkeitUnd in Deutschland? Niemals zuvor seit Gründung der Bundesrepublik ist so deutlich geworden, wie Recht Bertolt Brecht hatte mit seiner Warnung: »Der Schoß ist fruchtbar noch, aus dem die Schlange kroch.« Nicht nur, dass die rechtsextremen Parteien Zulauf erhalten, nicht nur, dass die sog. Republikaner als bürgerliche Spielart dieses Denkens Wahlerfolge feiern können. Bei den Krawallen von Rostock werden der Welt auch noch tagelang Deutsche vorgeführt, die ihre Biedermann-Maske abwerfen und mit Neonazis gemeinsame Sache machen.
Diese Unterstützung stärkt die rechten Banden so sehr, dass Ausländer in Deutschland um ihr Leben fürchten müssen. Von der in offiziellen Botschaften gern vermittelten »Ausländerfreundlichkeit« ist lange Zeit nichts zu sehen. Erst die Morde von Mölln vermögen es im November, Politik und Justiz wachzurütteln. Vor allem aber verstärken die Bürger selbst ihren Einsatz gegen Intoleranz und Ausländerhass: Ungezählte Initiativen schießen aus dem Boden, organisieren Demonstrationen und Lichterketten. Sie machen den Rechtsaußen klar, dass die Deutschen beileibe nicht hinter ihnen stehen, dass von »gesundem Volksempfinden« gegenüber Andersaussehenden oder Andersdenkenden keine Rede sein kann. So endet das Jahr doch noch mit einem versöhnlichen Akzent. Fortschritte bei alten Konflikten – noch keine Antworten auf neue Gefahren für die WeltVersöhnung zeichnet sich auch in zwei jahrzehntealten internationalen Konflikten ab: In Südafrika steht das weiße Apartheidregime vor dem Ende, und im Nahen Osten kommt mit der Arbeiterpartei Yitzhak Rabins eine kompromissbereite israelische Regierung ans Ruder. Dennoch ist der Verständigungsprozess in beiden Fällen noch auf Jahre hinaus von gewaltbereiten Fanatikern bedroht, die in Südafrika sogar von Hardlinern unter den Sicherheitskräften unterstützt werden.
Bedenklich bleibt nach wie vor die wirtschaftliche Lage, zumal es jetzt auch in Deutschland, das lange eine Insel der Prosperität war, bergab geht. Insbesondere im Osten deutet sich ein völliger Niedergang an, ganze Regionen bluten industriell aus. Die Bundesregierung ist deshalb gezwungen, von ihren ursprünglichen Versprechungen abzurücken: Auf »blühende Landschaften« werden die Arbeitslosen noch lange warten müssen.
Ähnlich problematisch entwickelt sich die Lage im Umweltschutz. Obwohl aber die Gefahren durch Treibhauseffekt, Ozonloch und Sommersmog immer deutlicher werden, lässt ein konsequentes Umsteuern auf sich warten. Das gilt auch für die UNO-Umweltkonferenz in Rio de Janeiro, die bisher größte in der Geschichte der Menschheit. Sie verbreitet aber wenigstens ein Bewusstsein dafür, wie groß der Zusammenhang zwischen Umweltverschmutzung und Armut in der sog. Dritten Welt ist.
Zur Problemregion entwickelt sich in erster Linie der schwarze Kontinent. Afrika, politisch längst vom Wind der Freiheit erfasst, wird von seinen Schulden erdrückt. Ob sich die neuen Demokratien angesichts der schweren Lasten werden halten können, bleibt fraglich. Dass ihr Aufbau aber tunlichst nicht mit westlichen Bajonetten vorangetrieben werden sollte, deutet sich zum Jahresende in Somalia an. Ursprünglich von der Bevölkerung begeistert begrüßt, wendet diese sich bald gegen die ausländischen Truppen. Westliche Arroganz gegenüber den uralten Traditionen am Horn von Afrika spielt eine nicht geringe Rolle bei dieser fatalen Entwicklung. Sie zeigt zudem, dass die immer lauter werdenden Rufe nach militärischen Lösungen politischer Probleme auf einen Irrweg führen.
So herrschen fast weltweit Ratlosigkeit, Unsicherheit, vielfach auch Ohnmacht in der politischen, ökonomischen und auch kulturellen Landschaft vor. Aufbruchstimmung findet sich nur vereinzelt und nur dann, wenn die Politik zu neuen Ufern aufbrechen und die Probleme aktiv angehen will, wie etwa in den USA der neu gewählte Präsident Bill Clinton. Politikverdrossenheit und Flucht in die FernsehweltDass dagegen in Deutschland häufig Welten klaffen zwischen Sonntagsreden und Wirklichkeit, zeigt sich bei den Armutsberichten verschiedener Organisationen. Sie alle sind sich in einem Punkt einig: Kinder sind das größte Armutsrisiko, obwohl Idee und Aufgabe der Familie so häufig beschworen werden. Dieser Unterschied zwischen Versprechungen und politischem Handeln führt geradewegs hin zum »Wort des Jahres« in Deutschland: »Politikverdrossenheit«.
So nimmt es kaum wunder, wenn sich immer mehr Deutsche in die Scheinwelt des Privatfernsehens flüchten, immer mehr Stunden vor dem Flimmerkasten verbringen. Vor allem der Sport bietet vielen die notwendige Entspannung – auch wenn das kleine Dänemark Matthäus, Völler und Co. den Titel bei der Fußballeuropameisterschaft wegschnappt. Genügend deutsche Erfolge bietet das Sportjahr 1992 schon durch die Olympischen Spiele in Albertville und Barcelona.
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