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Das Jahr 1994

Superwahljahr in Deutschland – Kohl bleibt Kanzler, Herzog wird Bundespräsident


1.07.1994 / Berlin, Deutschland Roman Herzog (*1934) wird als siebter Bundespräsident vereidigt. Er löst damit Richard von Weizsäcker (*1920) ab. Neben Herzog von links: unbekannte Person, Klaus Wedemeier (Bundesratspräsident) und Rita Süssmuth (Bundestagspräsidentin).

1994 ist für die Deutschen ein »Superwahljahr«: 19-mal werden die Bürger an die Wahlurnen gerufen, um die Abgeordneten des Deutschen Bundestages und von acht Landtagen, die Mandatsträger in den Kommunalvertretungen von neun Bundesländern und die Abgeordneten des Europäischen Parlaments zu wählen. Bei der Wahl des Bundespräsidenten setzt sich am 23. Mai der Unionskandidat Roman Herzog (CDU) gegen den Sozialdemokraten Johannes Rau durch und tritt die Nachfolge des nach zehn Jahren aus dem Amt scheidenden Richard von Weizsäcker an.

An den politischen Kräfteverhältnissen ändert sich trotz des Wahlmarathons wenig. Bundeskanzler Helmut Kohl (CDU) regiert nach der Bundestagswahl am 16. Oktober weiter, obwohl der Vorsprung der Regierungskoalition aus CDU/CSU und FDP vor der Opposition aus SPD, Bündnis 90/Die Grünen und PDS von 134 auf zehn Mandate schmilzt. Die SPD, die mit Rudolf Scharping seit 1983 bereits den vierten Kanzlerkandidaten gegen Kohl ins Rennen schickt, gewinnt nur geringfügig hinzu. Zwar ist sie in 14 der 16 Bundesländer Regierungspartei, davon in fünf Ländern sogar allein, doch sie kann diese Stärke nicht dazu nutzen, um die Bundesregierung – wie nach der Wahl von Scharping angekündigt – unter Druck zu setzen.

Der deutliche Verlust an Wählerstimmen für die Regierung Kohl ist wohl auch ein Zeichen für die Unzufriedenheit mit der wirtschaftlichen Entwicklung, denn trotz Konjunkturbelebung bleibt die Arbeitslosigkeit auf hohem Niveau. Am Ansehen der Kreditbranche kratzt der Fall Schneider, der auch die Vorlage zum »Unwort des Jahres« liefert: Als Hilmar Kopper, der Chef der Deutschen Bank, 50 Mio. DM, die der verschwundene Immobilienspekulant Jürgen Schneider seinen Handwerkern schuldet, als »Peanuts« (Kleinkram) bezeichnet, ist die öffentliche Empörung groß.

Beitritt Österreichs, Schwedens und Finnlands zur EU


12.06.1994 / Österreich EU-Volksabstimmung.

Durch den Beitritt von Schweden, Finnland und Österreich zur Europäischen Union (EU) wächst die Gemeinschaft zum Jahreswechsel 1994/95 von zwölf auf 15 Länder an. Der gleichfalls vereinbarte Beitritt Norwegens scheitert am negativen Votum der Bürger des Landes. Die EU der 15 ist mit mehr als 370 Mio. Einwohnern der größte Wirtschaftsraum der Welt. In fünf Mitgliedsländern wird 1994 gewählt: In Italien kann sich Medienmogul Silvio Berlusconi, im März der strahlende Wahlsieger, nur bis Dezember als Ministerpräsident halten, in den Niederlanden, Schweden und Dänemark regieren nach dem Wählervotum nun Sozialdemokraten, in Österreich setzt die Große Koalition aus SPÖ und ÖVP trotz schmerzhafter Stimmeneinbußen ihre Regierungsarbeit fort.

Krieg in Bosnien geht weiter – Jelzin schickt Truppen nach Tschetschenien


14/15.12.1994 / Mozdok, Rußland Panzer auf der russischen Militärbasis in Mozdok an der Grenze zu Tschetschenien.

Der Bürgerkrieg in Bosnien geht 1994 mit unverminderter Heftigkeit weiter. Die Friedensbemühungen der Europäer bleiben vergeblich. Wiederholte Luftangriffe der NATO zum Schutz der von den Serben bedrohten muslimischen Enklaven bewirken für die Zivilbevölkerung nur eine kurze Atempause. Der Friedensvorschlag der sog. Bosnien-Kontaktgruppe, der eine Teilung des Landes im Verhältnis von 51:49 zwischen der kroatisch-muslimischen Föderation und den bosnischen Serben vorsieht, scheitert im August am Einspruch der bosnischen Serben. Erst an Heiligabend sorgt eine vom früheren US-Präsidenten Jimmy Carter vermittelte Feuerpause, die zu Neujahr in einen viermonatigen Waffenstillstand übergeht, für eine Beruhigung.

Die innenpolitische Lage in Russland bleibt instabil. Weil die wirtschaftlichen Reformen für die Masse der Bevölkerung gleichbedeutend sind mit Geldentwertung und Arbeitslosigkeit, sorgt im Oktober der galoppierende Wertverlust des russischen Rubel für Unruhe. Um die abtrünnige Kaukasusrepublik Tschetschenien unter seine Kontrolle zu bringen, lässt der russische Präsident Boris Jelzin dort am 11. Dezember Truppen einrücken. Der Tschetschenienkonflikt droht zu einem langwierigen Partisanenkrieg zu werden, der das internationale Renommee Jelzins beschädigt und auch innerhalb Russlands auf Kritik stößt.

Erste freie Wahlen in Südafrika – Friedensnobelpreis für Arafat, Peres und Rabin


27.04.1994 / Südafrika ANC Präsident Nelson Mandela bei der Stimmabgabe zur Wahl des südafrikanischen Präsidenten.

An anderen Konfliktherden werden 1994 die Weichen auf Frieden gestellt: Am 26. April gewinnt Nelson Mandelas African National Congress die ersten freien Wahlen in Südafrika. Zwei Wochen später wird Mandela als erster schwarzer Präsident des Landes vereidigt, sein Stellvertreter wird sein weißer Amtsvorgänger Frederik Willem de Klerk. Gemeinsam hatten sie den Friedensnobelpreis für 1993 erhalten.

Im Jahr 1994 heißen die Preisträger Jassir Arafat, Shimon Peres und Yitzhak Rabin. Die Entscheidung des Osloer Nobelpreiskomitees würdigt den Abschluss des Autonomieabkommens für die Palästinenser in den von Israel besetzten Gebieten Jericho und Gazastreifen. Am 4. Mai besiegeln PLO-Chef Arafat und Israels Regierungschef Rabin den Vertrag, welcher den Rückzug der israelischen Truppen aus den seit 1967 besetzten Gebieten einleitet. Auch Gewaltakte palästinensischer und israelischer Extremisten halten den Friedensprozess nicht auf. Im Oktober wird der formell seit 1948 andauernde Kriegszustand zwischen Israel und Jordanien beendet.

Afrika im Brennpunkt: Rasendes Morden in Ruanda, UNO-Truppen in Somalia, Angola und Mosambik machen Fortschritte


21.07.1994 / Ruanda, Munigi, Zaire Ein Kind in einem Flüchtlingslager steht vor den Leichen seiner Eltern und weint.

Auf Haiti sorgt die Drohung einer militärischen Invasion der USA für einen Rückzug der Militärmachthaber, in Angola bewirkt ein Friedensvertrag ein vorläufiges Ende des Bürgerkrieges, in Mosambik bestätigen die ersten freien Wahlen die Partei des amtierenden Staatschefs Joaquim Chissano in ihrer Führungsrolle. Doch in anderen Staaten Afrikas sorgen Stammeskonflikte für Tod und Vernichtung: Im Bürgerkriegsland Somalia ziehen europäische und amerikanische UNO-Soldaten unverrichteter Dinge wieder ab, in Ruanda führt der Hass zwischen Hutu und Tutsi zu zehntausendfachem Mord.

Ayrton Senna stirbt, Michael Schumacher wird erstmals Formel-1-Weltmeister

Bei allen Schrecknissen blicken die Menschen gern auf die »schönste Nebensache der Welt«: Die Anteilnahme des Publikums an den Olympischen Winterspielen im norwegischen Lillehammer lässt sogar altgediente Olympiafunktionäre ins Schwärmen geraten. Der brasilianische Formel-1-Pilot Ayrton Senna fährt sich in Imola zu Tode, nach einer von Unglücksfällen und Skandalen überschatteten Rennsaison wird Michael Schumacher als erster Deutscher Weltmeister. Bei der Fußball-Weltmeisterschaft in den USA gewinnt Brasilien zum vierten Mal den Titel. Der 45 Jahre alte Berufsboxer George Foreman, der 20 Jahre nach seiner Niederlage gegen Muhammad Ali wieder Schwergewichtsweltmeister wird, feiert seinen Sieg als Triumph über das Alter.

Fotos des Jahres

Alle Fotos unserer Mitglieder zu diesem Jahr anzeigen

Gautam; "Bauernopfer"
Gautam; "Wüstes Land"; Bronze; für Bosnien
Der Publzist Ralph Giordano
Marianne Birthler
Saarburg
Gleitschirmflieger bei Bad Reichenhall
Gauck Jürgen Leiter der "Gauckbehörde"