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Das Jahr 2000

Nach chaotischer Wahl wird Bush trotz geringerer Stimmenzahl US-Präsident


Offizielles Portrait von George W. Bush als Präsident.

Die chaotische Präsidentschaftswahl in den USA macht die Nation in den letzten Wochen des »Millenniumsjahres« 2000 zum Gespött der ganzen Welt. Wer hätte gedacht, dass in der einzig verbliebenen Supermacht mancherorts noch mechanische Wahlmaschinen, Baujahr 1892, über das Wohl und Wehe der Nation bestimmen? Wer hätte damit gerechnet, dass sich die führenden Politiker und die renommiertesten Juristen des Landes wochenlang über die Frage streiten, ob nun Handauszählungen in einigen Bezirken des »Sonnenscheinstaates« Florida zulässig seien und wie in den »schwangeren«, »hängenden«, »ausgebeulten« Stanzstückchen aus Karton der Wählerwille erkennbar sei?

Letztlich ist es nicht der Eifer der Handauszähler in Palm Beach, Miami-Dade und anderswo, der darüber entscheidet, wer der 43. Präsident der Vereinigten Staaten wird, sondern es sind die republikanische Innenministerin von Florida, Katherine Harris, und der mehrheitlich konservative Oberste Gerichtshof in Washington. Zwar hat der siegreiche republikanische Gouverneur von Texas, George W. Bush, landesweit über 500 000 Stimmen weniger bekommen als der amtierende demokratische Vizepräsident Al Gore, doch die Eigenheiten des aus dem 18. Jahrhundert stammenden Wahlsystems machen – neben der Entscheidung der Obersten Richter der USA – Bush zum Sieger. Er wird der vierte Präsident in der US-Geschichte sein, der zwar die Mehrheit der entscheidenden Wahlmännerstimmen, nicht aber die Mehrheit der Stimmen des Volkes hat.

Schwarzgeldaffäre bringt die CDU in Bedrängnis


Dr. Wolfgang Schäuble, CDU/CSU, MdB, hält Rede im Deutschen Bundestag.

Turbulenzen anderer Art prägen die deutsche Politik: »Schwarzgeldaffäre« ist nicht von ungefähr nach einer Entscheidung der Gesellschaft für deutsche Sprache das Wort des Jahres 2000. Die schon Ende 1999 bekanntgewordenen »schwarzen Kassen« führen die CDU zu Jahresbeginn 2000 in die wohl schwerste Krise ihrer Geschichte. Für den hessischen Ministerpräsidenten Roland Koch (CDU) hat das Eingeständnis vom Januar, dass die hessische CDU Anfang der 80er Jahre Millionen ins Ausland transferiert und – unter dem Vorwand, es handele sich um anonyme Vermächtnisse – wieder zurückgeholt hat, (zunächst) keine Konsequenzen: Er bleibt mit Hilfe der FDP im Amt. Der CDU-Bundesvorsitzende und Bundestagsfraktionschef Wolfgang Schäuble hingegen tritt am 16. Februar zurück. Seine Glaubwürdigkeit war durch widersprüchliche Aussagen über die Annahme einer 100 000 -DM-Spende des Waffenhändlers Karl-Heinz Schreiber erschüttert worden. Staunend erfährt die Öffentlichkeit in der Folgezeit Einzelheiten über die geheime Kassenführung der CDU, die eher an Methoden der »Geldwäsche« erinnert als an das einer großen demokratischen Volkspartei angemessene Finanzgebaren.

Rot-Grün profitiert nur kurz von CDU-Schwäche – Rechtsextreme marschieren wieder


Helmut Kohl Politiker (CDU)/Bundeskanzler 03.04.1930

Für Monate ins politische Abseits gerät Altbundeskanzler Helmut Kohl, der hartnäckig die Namen von Barspendern verschweigt und den finanziellen Schaden für seine Partei durch eigene, diesmal öffentliche Spendenaktionen wiedergutzumachen versucht. Erst im Herbst, im Zusammenhang mit dem Parteienstreit über die Verdienste um die deutsche Einheit und der Veröffentlichung eines »Tagebuchs 1998-2000«, tritt Kohl wieder ins Blickfeld der Öffentlichkeit. Unter den Belastungen des Spendenskandals gelingt es der im April gewählten neuen Parteivorsitzenden Angela Merkel und dem neuen Fraktionschef Friedrich Merz nur schwer, eigenständiges Profil zu gewinnen und die CDU wieder auf Kurs zu bringen.

Von der Talfahrt der CDU profitiert naturgemäß die rot-grüne Bundesregierung: Lange Zeit scheint Bundeskanzler Gerhard Schröder (SPD) alles gelingen zu wollen. Die Landtagswahlen in Schleswig-Holstein und Nordrhein-Westfalen werden gewonnen, und sogar die Steuerreform passiert den Bundesrat, weil einige unionsgeführte Länder einknicken. Erst im Herbst, mit den Protesten gegen die hohen Benzinpreise und die Ökosteuer, spürt Rot-Grün wieder Gegenwind, der nach dem Bekanntwerden erster BSE-Fälle in Deutschland schärfer wird. Zur Herausforderung für alle demokratischen Parteien wird der Rechtsradikalismus, die demonstrativen Aufmärsche der NPD selbst am Brandenburger Tor und mehr noch die schon fast alltäglichen Übergriffe meist jugendlicher Rechtsextremisten auf Ausländer und Angehörige von Minderheiten.

EU versucht rechtslastige FPÖ aus der Regierung zu drängen – Miloševic tritt zurück


Serbenführer Slobodan Milosevic

In Österreich vollzieht sich im Jahr 2000 mehr als nur ein Regierungswechsel: Mit der Bildung der Koalition zwischen der konservativen Österreichischen Volkspartei (ÖVP) und der rechtspopulistischen Freiheitlichen Partei (FPÖ) nehmen die Bürger Abschied von einem halben Jahrhundert Konsensdemokratie, die auf Konfliktvermeidung, Sozialpartnerschaft und Proporz angelegt war. Der Versuch der Länder der Europäischen Union, durch einen Boykott ein Ausscheiden der FPÖ aus der Regierung zu erzwingen, bleibt folgenlos.

Auch einige Hundert Kilometer weiter südlich in Belgrad geht – in anderem Sinne – eine Ära zu Ende: Die demokratische Opposition zwingt am 5. Oktober den jugoslawischen Präsidenten Slobodan Miloševic zum Rücktritt. Die Wende in Jugoslawien wird am 23. Dezember durch den Sieg der bisherigen demokratischen Opposition bei der Parlamentswahl in Serbien bestätigt. Miloševics langjähriger Bündnispartner Russland greift nicht ein. Wladimir Putin, der im März auch offiziell zum Herrn des Kreml gewählt worden ist, hat genug Sorgen im eigenen Land: Der Krieg in Tschetschenien, obwohl im Februar schon als gewonnen bezeichnet, fordert immer noch Opfer, im August führen der Brand des Moskauer Fernsehturms und der Untergang des Atom-U-Bootes »Kursk« aller Welt vor Augen, wie marode die einstige Supermacht ist.

Naturkatastrophen, neue Intifada und Dschungelentführung


Überschallflugzeug Concorde

Der Tod von 118 Seeleuten auf der »Kursk« bleibt nicht das einzige schwere Unglück des Jahres: Im Juli sterben 113 Menschen beim Absturz des Überschalljets »Concorde« bei Paris, und im September kommen in Griechenland 79 Menschen bei einem Fährunglück ums Leben. 155 Todesopfer fordert im November ein Seilbahnunglück im österreichischen Kaprun, und an Weihnachten sind bei einem Kaufhausbrand in China 309 Tote zu beklagen. Zu Jahresbeginn wird die Welt Zeuge des Hochwassers in Mosambik, im Mai legt ein Brand in einer Feuerwerksfabrik im niederländischen Enschede ein ganzes Stadtviertel in Schutt und Asche, im August verheeren die schlimmsten Feuersbrünste seit einem halben Jahrhundert riesige Waldflächen im Nordwesten der USA.

Wenig Erfreuliches gibt es auch vom Dauerkrisenherd Palästina zu berichten: Im Sommer scheitert in Camp David ein neuer Nahostgipfel vor allem am Streit um den Status von Jerusalem, im Herbst löst ein Besuch des israelischen Rechtsaußen Ariel Scharon auf dem Tempelberg der Stadt eine neue »Intifada«, einen Palästinenseraufstand aus, der bis Jahresende nicht gestoppt werden kann.

Zum Alptraum für europäische Touristen, darunter drei Mitglieder der Göttinger Familie Wallert, wird ein Tauchurlaub in einem malaysischen Ferienparadies: Von philippinischen Muslim-Rebellen im April verschleppt, müssen sie ohnmächtig im Dschungel von Jolo ausharren, bis schließlich im August Libyen einen Freikauf organisieren kann.

Aktiensturz, Weltausstellung in Hannover, Harry-Potter-Manie


Planet M von Bertelsmann

Der Traum vom schnellen Reichtum an der Börse, den im März angesichts eines DAX von über 8000 Punkten viele Bundesbürger träumen, weicht im Herbst bei rasch purzelnden Kursen zunehmend einer Katerstimmung. Vor allem auf dem Neuen Markt fallen die Werte ins Bodenlose. Nicht ganz so steil zeigt der Kurs des Euro bergab, und die europäische Gemeinschaftswährung gewinnt auch Ende des Jahres, mit dem einsetzenden Konjunkturrückgang in den USA, wieder Boden unter den Füßen.

Von Juni bis Oktober lockt die Expo 18,1 Millionen Gäste nach Hannover – viel weniger als die erhofften 40 Millionen. Dennoch wird die bunte Schau der Weltkulturen ein Erfolg. Ein weiteres kulturelles Highlight ist der fulminante Verkauf der »Harry Potter«-Bände, durch die die Kinder wieder zu Lesern werden. Das Phänomen »Harry Potter« beweist, dass sich Massenkultur nicht in Realitysoaps (wie »Big Brother«), Zeichentrickfilmen (»Pokémon«) und PC-Spielen (»Moorhuhnjagd«) erschöpfen muss.

Nur Rennfahrer Schumacher glänzt in durchwachsenem deutschem Sportjahr


Michael Schumacher in seinem Ferrari beim Formel-1-Rennen in Monaco

Sportlich sorgen die Fußballeuropameisterschaft in Belgien und den Niederlanden sowie die Olympischen Sommerspiele in Sydney für die Glanzlichter, zu denen die deutschen Akteure allerdings selten mehr als ein paar Farbtupfer beitragen können. Ganz anders bei der Formel 1: Nach 21 Jahren ohne finales Erfolgserlebnis erlöst Michael Schumacher mit seinem mittlerweile dritten Weltmeistertitel die Fans der roten Renner von Ferrari. Im Dezember zeigt sich wieder einmal, dass Geld allein nicht glücklich macht: Trotz zweier gemeinsamer Kinder geben Boris und Barbara Becker nach sieben Jahren Ehe ihre Trennung bekannt.

Fotos des Jahres

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Gautam; "ein Faun"; Auerkalk; 5,5 to
Uxmal

Das Jahr 2000

Nach chaotischer Wahl wird Bush trotz geringerer Stimmenzahl US-Präsident

Schwarzgeldaffäre bringt die CDU in Bedrängnis

Rot-Grün profitiert nur kurz von CDU-Schwäche – Rechtsextreme marschieren wieder

EU versucht rechtslastige FPÖ aus der Regierung zu drängen – Miloševic tritt zurück

Naturkatastrophen, neue Intifada und Dschungelentführung

Aktiensturz, Weltausstellung in Hannover, Harry-Potter-Manie

Nur Rennfahrer Schumacher glänzt in durchwachsenem deutschem Sportjahr

Arbeit und Soziales 2000:

Gesteuerte Flexibilität

Ringen um Reform des Rentensystems

Lichtblick bei den Arbeitslosenzahlen

Architektur 2000:

Bei aller technischen Perfektion bleibt die Natur Vorbild

Auto 2000:

Umwelt lustlos, Luxus läuft

Bildungswesen 2000:

Effizienz für wenig Geld

Sechsjährige Realschule auch in Bayern

Internationale Frauenuniversität eröffnet

Essen und Trinken 2000:

Unerwünschte Beigaben

Gesünder durch Functional Food

Verändertes Image für den Kaffee

Mode 2000:

Modisches zwischen cooler Eleganz und Fun-Sport

Elektronisches in der Kleidung

Urlaub und Freizeit 2000:

Flaute nach Spitzenjahr

Welt im Kleinen lockt Besucher

Kinder konstruieren Roboter

Verkehr 2000:

Blechlawine schwillt weiter ungebremst an

Privatanbieter bedienen mit modernen Triebwagen Kurzstrecken im Schienenverkehr

Neue ICE-Generation ohne Triebkopf

Aus für Transrapid Hamburg-Berlin

Werbung 2000:

Schockwerbung ist erlaubt

Werbung mit Prominenten setzt auf Sympathie

Reklame wird mobil und transparent

Wissenschaft und Technik 2000:

Gläserner Mensch, Urknall und Geheimnis des Lebens

Der Stoffwechsel in unserem Gehirn

Wohnen und Design 2000:

Minimal oder gemütlich