Das Jahr 2006
Deutschland präsentiert sich als guter Gastgeber der Fußball-WM
Sommer 2006 – vier Wochen Sonne, vier Wochen gute Laune, vier Wochen Party, vier Wochen Fußball, zwar nicht immer vom Allerfeinsten, aber doch oft packend und mitreißend: Das ist die Fußballweltmeisterschaft 2006 in Deutschland. »Die Welt zu Gast bei Freunden« lautet das Motto der WM, und den Gastgebern fällt es offensichtlich leicht, der Vorgabe gerecht zu werden. Nicht nur die Fans aus anderen Ländern zeigen sich positiv überrascht von den weltoffenen Deutschen mit ihrem sympathisch-fröhlichen Patriotismus. Besonders »Fußballzwerge« wie Ghana, Togo oder Trinidad und Tobago freuen sich über die herzliche Aufnahme in den Quartiergemeinden. Die deutsche Elf, trainiert von Jürgen Klinsmann, landet am Ende auf Platz drei. Der »gefühlte Erfolg« liegt jedoch viel höher. Das Team begeistert die Fans mit engagiertem Spiel und wird zum »Weltmeister der Herzen«. Den sportlichen Titel holt sich Italien im Endspiel gegen Frankreich im Elfmeterschießen.
Lage im Nahen Osten erneut höchst angespannt
Das friedliche, beschwingte Fußballfest kann die Krisenherde der Welt allenfalls vorübergehend vergessen machen. Der Nahostkonflikt mündet 2006 in eine neue Spirale der Gewalt. Zu Beginn des Jahres fällt Israels Ministerpräsident Ariel Scharon, der zuletzt für eine Friedenslösung eingetreten war, nach einem Schlaganfall ins Koma. Wenige Wochen später entscheiden sich die Bewohner der palästinensischen Autonomiegebiete bei der Parlamentswahl mehrheitlich für die radikal-islamische Hamas. Dies führt nicht nur zu einer Verschärfung der Auseinandersetzungen mit Israel, auch der innerpalästinensische Konflikt zwischen der Hamas und der eher gemäßigten Fatah von Palästinenserpräsident Mahmud Abbas bricht offen aus.
Krieg im Libanon – Bundeswehreinsatz in vielen Krisengebieten
Im Juni eskaliert der Konflikt zwischen der im Libanon präsenten Hisbollah-Miliz und Israel zum Krieg. Die Hauptlast trägt wieder einmal die Zivilbevölkerung: In Beirut werden ganze Stadtteile in Schutt und Asche gelegt, Hunderttausende fliehen. Auf der anderen Seite bluten die Städte im Norden Israels allmählich aus, weil die Bewohner, zermürbt von der ständigen Bedrohung durch Hisbollah-Raketen, in andere Teile des Landes umziehen. Der UN-Sicherheitsrat setzt im August einen Waffenstillstand durch, und nun ist auch Deutschland gefordert: Einheiten der deutschen Marine werden zur Friedenssicherung vor die libanesische Küste entsandt – eine heikle Mission, denn eine direkte Konfrontation mit israelischen Soldaten kann nicht ausgeschlossen werden. Trotz vieler Bedenken stimmt der Bundestag dem Einsatz mit breiter Mehrheit zu.
Nicht nur im Mittelmeer ist die Bundeswehr 2006 im internationalen Rahmen an friedenssichernden Maßnahmen beteiligt: Im Kongo hilft sie bei der Sicherung der Wahlen, und in Afghanistan sind im Rahmen der ISAF über 2800 deutsche Soldaten im Einsatz, die allerdings in die Kämpfe ausländischer Truppen mit den wiedererstarkten Taliban nicht eingreifen. Sind die Bundeswehrsoldaten auf die zum Teil äußerst schwierigen Aufgaben ausreichend vorbereitet? Diese Frage stellt sich angesichts der Meldungen, dass deutsche ISAF-Soldaten sich in Afghanistan mit Totenschädeln fotografieren ließen.
Katastrophale Lage im Irak: Zivilisten leiden unter Gewalt von allen Seiten
Weit schlimmere Vergehen werden im Irak stationierten US-Soldaten zur Last gelegt, darunter Racheakte an Zivilisten, Vergewaltigungen und willkürliche Erschießungen. Solche Berichte verschärfen noch die aufs Äußerste angespannte Lage im Land: Es steht faktisch in einem Bürgerkrieg. Allein im Oktober 2006 fallen über 3700 Zivilisten Gewalttaten unter den Volks- und Religionsgruppen zum Opfer. Die im Land stationierten US-amerikanischen und britischen Soldaten haben dem wenig entgegenzusetzen. Eine von der US-Regierung in Auftrag gegebene Studie rät Präsident George W. Bush, die Kampfeinsätze im Irak zu reduzieren und sich auf die Schulung und Unterstützung der einheimischen Sicherheitskräfte zu konzentrieren. Außerdem mahnt sie diplomatische Schritte zur Konfliktlösung an, unter Einbeziehung der »Schurkenstaaten« Syrien und Iran. Der Präsident setzt trotz dieser Empfehlungen zunächst einmal auf den Ausbau der Truppenstärke. Allerdings wird er sich in Zukunft in größerer Kompromissbereitschaft üben müssen, denn bei den Kongresswahlen im November entscheidet sich die Mehrheit der US-Bürger gegen Bushs Republikaner.
Schwierige Verständigung zwischen Christen und Muslimen
Der schwelende Streit zwischen dem Westen und der islamischen Welt führt 2006 mehrfach zu Gewaltausbrüchen. In der dänischen Presse veröffentlichte Karikaturen des Propheten Mohammed lösen heftige Proteste und Gewaltakte aus, die sich u. a. gegen westliche Botschaften in muslimischen Ländern richten. Die Flammen der Empörung schlagen noch einmal hoch, als Papst Benedikt XVI. im Verlauf seines bejubelten Besuchs in seiner Heimat Bayern aus einem islamkritischen Text des 14. Jahrhunderts zitiert. Viele Muslime empfinden dies als Beleidigung, erneut kommt es zu gewaltsamen Protesten. Das Kirchenoberhaupt äußert sein tiefes Bedauern und überzeugt später auch bei seinem Türkeibesuch die muslimischen Gläubigen von seinem unbedingten Respekt gegenüber ihrer Religion.
Wie sieht es innerhalb Deutschlands mit dem Zusammenleben von Christen und Muslimen aus? In den vergangenen Jahren war wiederholt die Befürchtung geäußert worden, es könne eine muslimische Parallelgesellschaft entstehen, wenn es nicht gelänge, Zuwanderer zu integrieren. Die Bundesregierung ruft nun eine auf mehrere Jahre angelegte Islamkonferenz ins Leben, deren Ergebnisse das Zusammenleben von Muslimen und Nichtmuslimen in Deutschland auf eine tragfähige Grundlage stellen sollen.
Bei sinkenden Arbeitslosenzahlen werden weitere Reformen verabschiedet
Nicht nur in Sachen Integration hat die Berliner Große Koalition in ihrem ersten Amtsjahr viel zu tun. Reformen stehen an, die Deutschland im internationalen Wettbewerb fitmachen sollen. Verabschiedet wird die – von vielen Seiten mit Kritik bedachte – Föderalismusreform, mit der Einführung des Elterngeldes werden in der Familienpolitik die Weichen neu gestellt, und die Steuermittel aus der Erhöhung der Mehrwertsteuer – die auch mit 19 Prozent EU-weit noch im Mittelfeld liegt – werden eingesetzt, um die Beiträge zur Arbeitslosenversicherung zu senken. Bei der Gesundheitsreform knirscht es dagegen im Koalitionsgetriebe, nur mühsam gelangt man zu einem Kompromiss.
Erfreulich stellt sich die Entwicklung auf dem deutschen Arbeitsmarkt dar. Im Jahresdurchschnitt haben fast 400 000 Frauen und Männer weniger als im Vorjahr keinen Job. Allerdings ist die Erwerbslosenzahl mit knapp 4,5 Mio. noch immer erschreckend hoch, und besonders in einigen ostdeutschen Regionen zeigt sich keine Besserung. Nicht zuletzt dieser Umstand löst im Herbst eine Debatte um Armut in Deutschland aus.
Erfolgreiche deutsche Wintersportler, Skandaltour und Schumacher-Rücktritt
Auch wenn die Fußball-WM 2006 alle übrigen Sportereignisse überstrahlt, so gibt es natürlich auch Berichtenswertes von anderen Sportarten. Zunächst einmal sind da die Olympischen Winterspiele in Turin, bei denen sich aus deutscher Sicht besonders die Biathleten hervortun. Skandale prägen die Tour de France: Erst werden Jan Ullrich und andere Radstars wegen Dopingverdachts nicht zugelassen, am Ende entpuppt sich der Sieger Floyd Landis als Dopingsünder. Im Oktober heißt es für die Motorsportfans Abschied nehmen von einem der bedeutendsten Rennfahrer aller Zeiten: Der siebenfache Formel-1-Weltmeister Michael Schumacher beendet seine aktive Karriere.