Das Jahr 2007
Erderwärmung und ansteigende Meeresspiegel als Ausmaß der Klimaveränderung
»Klimakatastrophe« lautet das Wort des Jahres, und dieses Thema beherrscht auch die öffentliche Diskussion. So erstaunt es nicht, dass der frühere US-Vizepräsident Al Gore und der Weltklimarat für ihre Warnungen vor dem Klimawandel und seinen Folgen mit dem Friedensnobelpreis gewürdigt werden. Nachdem der Klimarat im Februar seinen Sachstandsbericht über die zu erwartenden Veränderungen veröffentlicht hat, widmen sich die Medien wochenlang Fragen wie: Nutzen Energiesparlampen? Lohnt sich für mein Auto die Umstellung auf Biosprit? Wie spare ich bei der Heizung? Angesichts explodierender Ölpreise und klimaschädigender Emissionen von Kohlekraftwerken drängt die Kernkraft wieder in den Fokus des Interesses auch der deutschen Politik – und sei es als Energie für eine Übergangszeit bis zum Ausbau regenerativer Energieträger. Allerdings leidet ihr Image unter den Störfällen in den Kernkraftwerken Krümmel und Brunsbüttel, die der Betreiber Vattenfall zudem höchst ungeschickt kommuniziert.
Zwar variieren die Vorhersagen über das zu befürchtende Ausmaß der Klimaveränderungen, doch eines ist klar: Es wird wärmer werden auf der Erde, der Meeresspiegel wird ansteigen. Und wieder wird es die Menschen in den ohnehin von Naturkatastrophen gebeutelten Ländern wie Bangladesch und die Malediven besonders hart treffen. Doch auch die Deutschen werden die Folgen des Klimawandels zu spüren bekommen. Einen Vorgeschmack auf Naturunbilden, die in Zukunft häufiger auftreten werden, gibt im Januar der Orkan »Kyrill«.
Ära Edmund Stoiber geht zu Ende
Turbulenzen anderer Art erlebt die bayerische Regierungspartei CSU, in der die Ära des Parteivorsitzenden und Ministerpräsidenten Edmund Stoiber nach über 13 Jahren zu Ende geht. Auf Bundesebene fällt die Halbzeitbilanz des Regierungsbündnisses aus CDU/CSU und SPD, die im November nach zwei Jahren gezogen wird, gemischt aus. Zwar wurde manches an Reformen auf den Weg gebracht, doch mit dem Rücktritt von Bundesarbeitsminister und Vizekanzler Franz Müntefering verliert Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU) ihren wichtigsten Partner im sozialdemokratischen Lager. Angesichts der bevorstehenden Landtagswahlkämpfe wird der Umgangston zusehends rauer, u.a. wegen der wiederholten Forderung von Bundesinnenminister Wolfgang Schäuble (CDU) nach weiteren Sicherheitsgesetzen. Mit ihrem Einsatz für Mindestlöhne und einem im Oktober verabschiedeten neuen Parteiprogramm rückt die SPD nach links und versucht, das Vertrauen ihrer von den »Agenda 2010«-Reformen enttäuschten Stammwähler zurück zu gewinnen. Dagegen präsentiert sich die CDU, die sich im Dezember gleichfalls ein neues Grundsatzprogramm gibt, als Volkspartei der Mitte.
Mit dem Ratsvorsitz der Europäischen Union im ersten Halbjahr und dem Vorsitz der »G8« genannten Gruppe der wichtigsten Industriestaaten und Russlands trägt Deutschland in der internationalen Politik 2007 besondere Verantwortung. Auf dem G8-Gipfel in Heiligendamm, wo die Mächtigen der Welt – abgeschirmt von einem massiven Polizeiaufgebot – über den Klimawandel und Hilfen für Afrika sprechen, erweist sich Merkel als gewiefte Vermittlerin und vermag es dennoch nicht, den US-Präsidenten George W. Bush in Sachen Klima auf verbindliche Zusagen festzulegen. Auch beim Klimagipfel im Dezember auf Bali sind die USA der Bremser und lassen Fortschritte nur in Fußnoten zu.
Europäische Union wächst
Die Europäische Union wächst im 50. Jahr ihres Bestehens um Bulgarien und Rumänien. Die nun 27 Staats- und Regierungschefs unterzeichnen im Dezember in Lissabon anstelle der gescheiterten EU-Verfassung eine neue Grundsatzvereinbarung. Im selben Monat erweitert sich der Schengen-Raum um neun EU-Staaten; damit heißt es freie Fahrt durch 24 europäische Staaten von Lissabon bis Tallinn.
Drei große europäische Nationen erhalten neue Regierungschefs
Die Polen erteilen den konservativ-katholischen Kaczynski-Brüdern eine Abfuhr und geben dem liberalen Donald Tusk eine Chance als Ministerpräsident, in Großbritannien tritt Gordon Brown als Premier in die Fußstapfen seines Labour-Kollegen Tony Blair, und in Frankreich wird der Konservative Nicolas Sarkozy neuer Hausherr im Élysée-Palast. Der zu Hyperaktivität neigende Politiker hält die Franzosen nicht nur mit seinen Reformideen, sondern auch mit seinem Privatleben in Atem. Sarkozy ist der erste französische Präsident, der sich während seiner Amtszeit scheiden lässt.
Sein russischer Amtskollege Wladimir Putin verfolgt aktiv seine außenpolitischen Interessen und pocht darauf, als Vertreter der zweiten Weltmacht neben den USA anerkannt zu werden. Auch nach seinem für März 2008 anstehenden Ausscheiden aus dem Amt will Putin eine wichtige politische Rolle spielen und stellt dafür bei der Duma-Wahl im Dezember die Weichen.
Der Irak, aus dem die Verbündeten der USA nach und nach ihre Truppen abziehen, bleibt ein Krisenherd, ebenso wie Afghanistan, wo eine politische Lösung des Konfliktes mit den radikal-islamischen Taliban noch nicht zu erkennen ist. Pakistan, das einzige islamische Land mit atomarer Bewaffnung, steht nach der Ermordung der Oppositionsführerin Benazir Bhutto im Dezember am Scheideweg. In Myanmar, dem früheren Birma, begehren die buddhistischen Mönche gewaltlos gegen die Militärdiktatur auf und werden niedergeknüppelt.
Wirtschaftlich ist 2007 für Deutschland ein gutes Jahr
Die Konjunktur ist robust, die Steuereinnahmen sprudeln, und die sozialversicherungspflichtige Beschäftigung steigt kräftig. Doch was die Löhne angeht, sehen die Gewerkschaften großen Nachholbedarf. Der monatelange Arbeitskampf zwischen der Deutschen Bahn AG und der Gewerkschaft Deutscher Lokomotivführer (GDL) liefert einen Vorgeschmack auf die Härte künftiger Tarifauseinandersetzungen.
Die Konjunkturaussichten beginnen sich allerdings im Gefolge der Hypothekenkrise in den USA einzutrüben. Weil dort viele Eigenheimbesitzer die ihnen oft leichtfertig von den Baufinanzierern angedienten Kredite nicht zurückzahlen können, geraten selbst die größten Geldhäuser in Schwierigkeiten. Auch Europa wird von der Krise betroffen, und viele Banker müssen sich vorhalten lassen, dass sie sich auf hochkomplizierte Konstrukte aus riskanten Anlagen eingelassen haben, ohne die damit verbundenen Risiken überblicken zu können.
Tröstlich angesichts solcher Ärgernisse sind Bilder wie die vom Eisbärenbaby Knut, das – von der Mutter verstoßen – durch einen Pfleger mit der Hand aufgezogen wird und dem Berliner Zoo Einlassrekorde beschert. Dem Publikum gefällt es, ebenso wie der siebte und letzte Band der »Harry Potter«-Saga – er endet mit der Erkenntnis, dass der berühmteste Zauberlehrling der Welt auch die Abenteuer des letzten Schuljahres überlebt – und die Documenta in Kassel: Die zwölfte Kunstausstellung unter diesem Titel verzeichnet einen Besucherrekord.
Die Sportfans erleben 2007 eine Achterbahn der Gefühle
Der Gewinn des Weltmeistertitels durch die deutschen Handballer und die deutschen Fußballerinnen wie auch der bis zum Ende spannende Kampf um die Königskrone in der Formel 1 gehören zu den Glanzpunkten des Sportjahres. Ob sich hingegen der Radsport in Deutschland noch einmal erholen kann, ist fraglich: Zehn Jahre nach dem Tour-Sieg von Jan Ullrich bekennen sich seine damaligen Helfer teils unter Tränen zu ihrer Doping-Vergangenheit. Als bei der skandalträchtigen Tour de France mit dem Deutschen Patrik Sinkewitz auch ein Fahrer vom Team T-Mobile des Dopings überführt ist, zieht sich der Sponsor zurück.