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Das Jahr 1970

Tod de Gaulles, Anerkennung der Oder-Neiße-Linie: Voraussetzungen in Europa ändern sich


Der französische Politiker Charles de Gaulle (1890-1970) im Ornat. Undatierte Aufnahme.

Der französische Publizist Jean-Jacques Servan-Schreiber äußerte nach dem Tod von Charles de Gaulle im November 1970: »... Was war, wird nie mehr sein. Die ewige Wiederkehr gehört der Vergangenheit an. Eine andere Geschichte beginnt. Nicht mehr Eroberung, Herrschaft, Elend, Misstrauen und Kalkül, die in der und durch die Nation das Schicksal der Menschen bestimmt haben, sondern wahrhaft eine neue Geschichte, in der dieses Spiel da keinen Sinn mehr gibt, in der sich die Lebensregeln für Menschen wie Gemeinschaften umstülpen werden.«

Diese Worte, die angesichts der politischen Umwälzungen gegen Ende der 80er Jahre fast prophetisch anmuten, können auch für weitere historische Einschnitte gelten, die das Jahr 1970 vor allem für die Bundesrepublik mit sich brachte – Ereignisse wie etwa die Unterzeichnung der Ostverträge in Moskau und Warschau. Sie waren in der bundesrepublikanischen Öffentlichkeit heftig umstritten, und dieser Streit spiegelte auch die Positionen des Gestern und Morgen wider. Die Auseinandersetzung spaltete die Bevölkerung in einen Teil, der noch immer von einem großdeutschen Reich träumte, und einen Teil, der die Rechte des polnischen und sowjetischen Volkes auf die Anerkennung ihrer Grenzen akzeptierte. Die Ostpolitik der sozialliberalen Regierung, das jedenfalls lässt sich im Rückblick festhalten, ließ die europäischen Staaten in West und Ost einander wieder näherkommen – oder, um die Worte von Servan-Schreiber noch einmal aufzugreifen: »Eine andere Geschichte beginnt.«

Aufbruchstimmung in Deutschland – Reformen und Mitbestimmung


Titelblatt des Time - Magazins mit Willy Brandt als "Mann des Jahres 1970"

Aber, wie immer in der Geschichte, steht die Politik nicht isoliert da. Der durch den Beginn der Entspannungspolitik gekennzeichnete »Klimawechsel« lief parallel zu strukturellen Veränderungen in Kultur und Gesellschaft der Bundesrepublik. Das Jahr 1970 ist Bestandteil eines Zeitabschnitts, in dem Umbrüche begonnen haben – Umbrüche, die das Denken und Verhalten der Menschen in den folgenden Jahrzehnten bestimmen. Nicht mehr die bedrückende Enge und Intoleranz der Nachkriegszeit waren maßgeblich für das geistige Klima. Gefragt waren Aufbruchtendenzen, Mitbestimmung und Mitverantwortung breiter Kreise. »Mehr Demokratie wagen« – so lautete die Losung, die der erste sozialdemokratische Bundeskanzler Willy Brandt ausgab. Engagierte Personen und Gruppen sperrten sich gegen die unkritische Unterwerfung unter wie auch immer geartete Autoritäten. Was vielen Konservativen nur als »blinde« Revolte gegen liebgewordene Traditionen galt, bewirkte häufig konstruktives Umdenken. So entstanden neue Konzepte etwa in der Bildungspolitik (Hochschulreform, Gesamtschulen); neue Formen der Mitbestimmung in den Betrieben, aber auch in kulturellen Institutionen, wurden anvisiert. Noch immer wirkte der im Herbst 1969 vollzogene Regierungswechsel in der Bundesrepublik – ähnlich wie der Rücktritt de Gaulles im gleichen Jahr in Frankreich – als Fanal einer sich verändernden politischen, gesellschaftlichen und kulturellen Landschaft.

Nach der Technikeuphorie: Umweltverschmutzung wird erstmals wahrgenommen

Aber diese Aufbruchstimmung wies auch schon jene Risse und Brüche auf, die sich später verbreiterten und die westliche Wohlstandsgesellschaft aufs Neue infrage stellten. Nach der Technikeuphorie vergangener Jahre mit der Mondlandung von 1969 als Höhepunkt fragten kritische Stimmen nach dem Sinn von kostenaufwendigen Expeditionen ins All, wenn zugleich auf dem Heimatplaneten Erde Millionen von Menschen unterhalb oder am Rande des Existenzminimums leben. Angesichts der kaum noch zu übersehenden Umweltverschmutzung fragten diese Stimmen weiterhin, ob sich die Menschheit durch den rasanten technischen Fortschritt nicht selbst an den Rand des Abgrunds bringt. Verseuchte Gewässer und Smog in den Großstädten ließen allmählich ein Umweltbewusstsein entstehen, das sich später in den vielfältigen Aktivitäten von Bürgerinitiativen und Verbänden niederschlug. Radikale Linke, wie die Gruppe um Ulrike Meinhof und Andreas Baader, sahen nurmehr in einer gewaltsamen Umwälzung der bestehenden Verhältnisse das Mittel für eine grundlegende Verbesserung der gesellschaftlichen und politischen Strukturen.

Ob mit Drogen oder mit Heintje: Weite Teile der Bevölkerung fliehen aus der Realität

Ohnehin war es nur ein Teil der Bevölkerung, der aktiv die Veränderungen mittrug. Viele flüchteten in Schein- oder Ersatzwelten. Die Drogenkultur unter jugendlichen Aussteigern erlebte 1970 neue Höhepunkte. Abkehr von der Realität boten aber auch die Film- und Fernsehproduktionen an. Und dokumentiert nicht der Erfolg des Kinderstars Heintje, dass viele Menschen noch immer einer vermeintlichen »heilen Welt« den Vorzug geben vor einer Auseinandersetzung mit den aktuellen politischen und sozialen Problemen? Insofern zählt auch der Teil der Menschen zu den Produkten einer Zeit des Umbruchs, über den der Publizist Günther Rühle 1970 in der »Frankfurter Allgemeinen Zeitung« am Beispiel des »Phänomens« Heintje urteilte: »Heintje, das ist der Erfolg beim alleingelassenen, vernachlässigten Gemüt. Erfolg, das ist auf diesem Markt die Befriedigung von Erwartungen. Insofern ist Heintje ein Produkt der totalen Affirmation, der Zustimmung und Erfüllung des Vorhandenen.«

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Kalkbrenner bei Silifke (Türkei)
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Das Jahr 1970

Tod de Gaulles, Anerkennung der Oder-Neiße-Linie: Voraussetzungen in Europa ändern sich

Aufbruchstimmung in Deutschland – Reformen und Mitbestimmung

Nach der Technikeuphorie: Umweltverschmutzung wird erstmals wahrgenommen

Ob mit Drogen oder mit Heintje: Weite Teile der Bevölkerung fliehen aus der Realität

Arbeit und Soziales 1970:

Mit Rückenwind der Konjunktur in die Gesellschaftsreform

Die berufstätigen Mütter – unterbezahlt und doppelt belastet

»Gastarbeiter« – stille Reserve der Wirtschaft

Architektur 1970:

Hochhausarchitektur bleibt spektakulär und umstritten

Auto 1970:

Jeder vierte Bundesbürger hat einen eigenen Wagen

Neuer Ford Pinto gegen Käfer-Konkurrenz in den Vereinigten Staaten

Werkstatt-Pfusch wird aufgedeckt

Extravagante Sportwagen – Traum von prestigebewussten Autokäufern

Bildungswesen 1970:

Bildungsexpansion und Schulreform in der Bundesrepublik

»Strukturplan für das Bildungswesen« will Chancengleichheit in Schulen

Antiautoritäre Erziehung zielt auf Selbstverwirklichung der Schüler

Die Rassentrennung bestimmt immer noch das Leben an den US-amerikanischen Schulen

Essen und Trinken 1970:

Traditionelle Hausmannskost neben Pizza und Spaghetti

Mode 1970:

Trend gegen Massenkonfektion: Schick ist das Selbstgenähte

Verkehr 1970:

Immer mehr Autos – immer mehr Unfälle, Lärm und Abgase

Schärfere Kontrollen sollen künftig Flugzeugentführungen verhindern

Im Schneckentempo in den Sommerurlaub

Urlaub und Freizeit 1970:

Bundesdeutsche Blechlawine rollt unverdrossen gen Süden

Werbung 1970:

Kampf um die Werbemärkte

Imagewerbung steht im Vordergrund

Wechselseitige Einflüsse zwischen zeitgenössischen Kunstformen und Werbeplakaten

Wissenschaft und Technik 1970:

Fortschritt bei Datentechnik

Kern- und Sonnenenergie

Wohnen und Design 1970:

Mietsteigerungen und Wohnungsmangel bereiten Probleme